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Wie man Genkrankheiten in den Griff bekommtSubmitted by rau on 22 February 2010
Übersetzt von Hildegard Kienzle-Pfeilsticker
Genkrankheiten werden durch Abweichungen der DNA eines Menschen verursacht. Diese reichen von der einfachen Mutation eines einzelnen Nukleotids bis zu komplexen Deletionen und Umlagerungen von Chromosomenteilen oder ganzer Chromosomen.
Wir tragen sogar alle zwischen fünf und zehn solcher rezessiver Mutationen, ohne es jemals zu merken. Nur dominante Mutationen äußern sich als Krankheit, wenn nur eine Genkopie beschädigt ist. Rezessive Mutationen können jedoch problematisch werden, wenn Mutter und Vater zufällig dasselbe mutierte Gen tragen: diese Konstellation birgt das Risiko, dass man beide mutierten Gene erbt. Dies kann Krankheiten wie zystische Fibrose oder Sichelzellenanämie verursachen. Ein Teil von Sabines Arbeit besteht aus Untersuchung und Diagnose dieser Krankheiten bei ihren Patienten. „Eine typische Situation sind Eltern, die mir ihr Kind vorstellen mit den Worten: ‚Er hat sich nicht altersentsprechend entwickelt. Unser gleichaltriger Nachbarsohn ist viel größer, er krabbelt bereits. Unserer kann es nicht‘.“ Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungsmöglichkeiten und Tests, aber wenn es um die Diagnose geht, sagt sie: Zuallererst müssen wir Ärzte, als zentrale Anlaufstelle, hinschauen, zuhören, prüfen und bewerten.” Nach einer gründlichen klinischen Untersuchung und mit der detailgenauen Kenntnis der Familiengeschichte könnte Sabine bereits in der Lage sein, den Grund der Gesundheitsstörung des Patienten zu erahnen. Der nächste Schritt ist, herauszufinden, welche Art von Mutation die Krankheit verursacht. Die Chromosomenanalyse wurde zuerst von dem französischen Genetiker und Pädiater Jérôme Lejeune angewendet, der 1959 fand, dass Kinder mit Down-Syndrom eine zusätzliche Kopie des Chromosoms 21 trugen. Sogar heute können viele Fragen vollständiger mit dieser Technik als mit einem Gentest beantwortet werden: Zellen eines Patienten werden im Labor kultiviert, dann fixiert, präpariert und gefärbt, so dass ihre Chromosomen unter dem Mikroskop untersucht werden können.
Hämochromatose, die Krankheit, auf die sich Martina spezialisiert hat, ist nicht nur die am weitesten verbreitete Erbkrankheit in der westlichen Welt, sondern wird in 85-90% der Fälle in Mitteleuropa durch nur eine bestimmte Mutation im hfe-Gen verursacht (siehe Kasten unten). Wenn Patienten von der Krankheit betroffen sind oder besorgt darüber sind, dass die Krankheit in der Familie vorkommen könnte, kann ein Gentest mit der Suche nach hfe-Mutationen durchgeführt werden. Die DNA des Patienten wird, üblicherweise aus einer Blutprobe, isoliert und die Nukleotide des hfe-Gens, in denen am häufigsten Punktmutationen auftreten, sequenziert und mit der Sequenz gesunder Individuen verglichen. Hämochromatose ist die häufigste Erbkrankheit in der westlichen Welt. Es ist ein Zustand, der den Körper dazu veranlasst, gefährlich große Mengen an Nahrungseisen aufzunehmen und in der Leber, Herz, Bauchspeicheldrüse und anderen Geweben zu speichern. Neben einer bronzefarbenen Haupigmentierung kann sie gelegentlich zum Leberversagen, Herzversagen oder zu Diabetes führen, da die Menschen, wie die meisten Tiere, keine Möglichkeit haben, überflüssiges Eisen auszuscheiden.
Die Synthese neuer Erythrozyten trägt zum Verbrauch von überschüssigem Eisen bei. Zunächst dachte man, die Krankheit würde nur Männer betreffen und bei ihnen ab dem Alter von 40 bis 50 Jahren manifest werden. Aber jetzt wissen wir, dass Frauen die Krankheit genauso oft bekommen, dass aber der Bluverlust durch Menstruation und Schwangerschaft auf natürliche Weise hilft, die Symptome zu lindern. In 85-90% der Fälle in Mitteleuropa wird die Hämochromatose durch eine spezifische Mutation im hfe-Gen auf Chromosom 6 verursacht. Man geht davon aus, dass sie etwa 500 v. Chr. spontan in einem einzelnen Menschen eines Keltenstamms im Donautal entstanden ist, von wo sie sich über Europa und mit Emigranten über Amerika und Australien ausgebreitet hat. In Australien kann man sogar alle Patienten auf einen einzigen Immigranten zurückführen, der die Mutation trug. In der westlichen Welt trägt einer von acht Menschen die Mutation, aber da sie rezessiv ist, entwickelt nur etwa ein Träger aus 250 Hämochromatose-Symptome.
Um zu verhindern, dass zu viel Eisen aufgenommen wird, misst die Leber das verfügbare Eisen und übermittelt diese Information für die Herstellung eines Hormons namens Hepcidin – je mehr Eisen, desto mehr Hepcidin. Im Darm zerstört Hepcidin die Eisentransportproteine, damit kein weiteres Eisen mehr aufgenommen wird. Leiden Kinder unter einer unspezifischen mentalen oder körperlichen Behinderung, können Mutationen einer ganzen Reihe von Genen auf verschiedenen Chromosomen die Ursache sein. In diesem Fall erreichen Anfärbungen von Chromosomen keine ausreichende Auflösung, um das defekte Gen zu identifizieren – es wäre jedoch ein enormer Arbeitsaufwand, alle möglicherweise betroffenen Gene eines Individuums zu sequenzieren. In diesen Fällen nutzen Genetiker wie Sabine seit kurzem eine neue Technologie: Mikroarrays (eine genauere Erklärung von Mikroarrays, und wie man sie in der Schule einführt, ist zu finden unter Koutsos et al., 2009). Mikroarrays beschleunigen den Prozess der Gendiagnostik gewaltig. Da zehntausende oder hunderttausende Genombereiche auf einmal getestet werden können, kann man auf viele Störungen gleichzeitig prüfen. Wissenschaftler hoffen, dass es künftig möglich sein wird, einen Mikroarray zu entwickeln, der alle Genkrankheiten und Prädispositionen in einem schnellen und einfachen Test erfasst. Es gibt wohl keine Eltern, die ihrem Kind eine Genkrankheit wünschen. Bis vor kurzem war Pränataldiagnostik die einzige verfügbare Möglichkeit, um zu bestimmen, ob ein Kind mit einer schweren Störung geboren werden würde. Seit Einführung der in-vitro-Fertilisation ist es jedoch möglich, die genetische Ausstattung eines Embryos vor der Implantation in die Gebärmmutter zu prüfen. Diese Technik nennt man Präimplantationsdiagnostik.
Je mehr wir über die genetischen Ursachen verschiedener Krankheiten und Merkmale lernen und je ausgefeilter unsere Screeningmethoden werden, desto mehr können wir überprüfen. Selbstverständlich will kein Elternteil, dass sein Kind an einer schweren Krankheit leidet – aber wie sollen wir mit weniger schwerwiegenden Krankheiten umgehen wie der Hämochromatose, erblicher Taubheit oder sogar Kurzsichtigkeit? Wer sagt denn, dass ein Kind, das unter solchen Bedingungen aufwächst, nicht ein ebenbürtiges Leben im Vergleich zu einer gesunden Person führen könnte? Im Grunde geht es darum, was als normal gilt. Wo ziehen wir die Trennlinie zwischen einer akzeptierten und einer nicht akzeptierten, erblich festgelegten Lebensbedingung oder einem Wesensmerkmal? Sollte es weiterhin Eltern jemals erlaubt sein, das Geschlecht ihres Kindes zu bestimmen, seine Größe, Attraktivität oder Intelligenz?
An diesem Punkt wird die Arbeit von genetischen Beratern wie Sabine Hentze unverzichtbar. „Neben meiner Laborarbeit verbringe ich viel Zeit damit, Patienten zu beraten, mit anderen Worten mit Kommunikation: was bedeutet dieses Testergebnis? Was bedeutet es für mich, für unser Kind, für unsere Zukunft?" Und wir haben es der Arbeit genetischer Berater zu verdanken, dass wir uns darüber klar wurden, dass eine der wichtigsten Überlegungen bei der Gendiagnostik das Recht auf Nichtwissen darstellt. Referenzen Koutsos A, Manaia A, Willingale-Theune J (2009) Nach Genen fischen: DNA Microarrays in der Schule.Science in School 12: 44-49. www.scienceinschool.org/2009/issue12/microarray/german Peralta L, Oliveira C (2009) Radioactivity in the classroom. Science in School 12: 57-61. www.scienceinschool.org/2009/issue12/radioactivity Strieth L et al. (2008) "Rendezvous mit der Genmaschine": Wie Schüler/innen zu Diskussionen über Bioethik angeregt werden können. Science in School 9: 34-38. www.scienceinschool.org/2008/issue9/genemachine/german Internet-Referenzen w1 – Weitere Informationen über die SET-Routes-Organisation, die Frauen in der Forschung fördert, ist zu finden unter www.set-routes.org w2 – Die SET-Routes Insight Lectures sind eine Reihe interaktiver wissenschaftlicher Vorträge für den Schulbereich. Die Vorträge, die durch herausragende Forscherinnen gehalten werden, führen in die spannende Welt von Wissenschaft, Technik und Technologie (englisch science, engineering and technology, abgekürzt: SET) ein. Sie spannen den Bogen über so verschiedene Bereiche wie Raumforschung, Klimaveränderung, genetische Beratung, Hämochromatose und DNA-Chips, Malaria, Stammzellen und Regeneration, Archäologie des Universums und Kosmologie. Sie sind zu finden unter: www.set-routes.org/lectures Quellen Democs (Kürzel von englisch DEliberative Meetings Of CitizenS)-Kartenspiele mit den Themen Präimplantationsdiagnostik und frei käufliche genetische Tests für Diskussionen, können heruntergeladen werden unter: www.neweconomics.org/gen/democs.aspx Einen Science in School-Artikel über Democs finden sie unter:
Die Webseite “Genes are Us” bietet kurze Filme und Aktivitäten für den Unterricht über Genkrankheiten, siehe: www.genesareus.org Eine Einführung in die häufigsten Genkrankheiten ist zu finden in der Genetic Disorders Library (http://learn.genetics.utah.edu/content/disorders/whataregd) in der Sektion Learn.Genetics (http://learn.genetics.utah.edu), dem Genetic Science Learning Center der University of Utah, USA. Mehr über Sauerstoffradikale im Körper und ihre Abwehr erfährt man unter: Farusi G (2009) Looking for antioxidant food. Science in School 13: 39-43. www.scienceinschool.org/2009/issue13/antioxidants Wenn dieser Artikel Ihre Neugier geweckt hat, können Sie über die neuesten Fortschritte und Meinungen zu Gentests und personenbezogener Genomik weiterlesen in Daniel MacArthur’s science blog, Genetic Future: http://scienceblogs.com/geneticfuture War der Artikel interessant und hilfreich, dann möchten Sie vielleicht alle in Science in School publizierten Artikel mit medizinischen Themen anschauen, unter: www.scienceinschool.org/medicine Lucy Patterson schloss ihren PhD 2005 an der Universität Nottingham, UK, ab. Seither arbeitete sie als Postdoc zuerst in Oxford, UK, dann in Freiburg und Köln, Deutschland. Während dieser Zeit hat sie an verschiedenen Fragestellungen der Entwicklungsbiologie gearbeitet, wobei es darum geht wie Organismen wachsen und sich von einem befruchteten Ei in einen reifen erwachsenen Organismus entwickeln. Ihre Untersuchungsobjekte waren Zebrafischembryos. Sie hat ein weit gestecktes Interesse an und ist begeistert von Wissenschaft. Derzeit bastelt sie am Keim ihrer eigenen Karriere als Wissenschaftsvermittlerin. Rezension Erbkrankheiten und Syndrome sind zentrale Themen für jeden Unterricht in Genetik: Das Thema betrifft jeden Schüler und es wird sie zu Nachforschungen im Familienstammbaum anspornen. Es wird sogar noch mehr Diskussionen im Unterricht auslösen, wenn die Schüler bereit sind, über seltene Erkrankungen oder Chromosomenaberrrationen im erweiterten Familienkreis zu sprechen. DemThema Hämochroantose muss man nicht ausweichen, da sie nach der Diagnose medizinisch handhabbar ist. Sie ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie sich ein evolutionärer Vorteil durch die Änderung der Umwelt in eine Sackgasse verwandeln kann. Daran dürften sich viele interessante Diskussionen entzünden. Weiterhin beschreibt der Artikel alle hauptsächlichen Techniken, die derzeit für die Analyse vererbter Krankheiten benutzt werden, inklusive der topaktuellen Technik des Mikroarrays. Mögliche Diskussionsthemen sind: Genethik im Allgemeinen; in vitro-Fertilisation; Präimplantationsgenetik, Familienplanung bei bekannten Krankheiten und die Frage, wann das Leben beginnt. Alle diese Themen berühren Ethik und Religion. Hier ein paar Vorschläge für an Schüler gestellte Aufgaben bei der Nutzung dieses Artikels:
Friedlinde Krotscheck, Österreich
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