Vom Lachen lernen Understand article

Übersetzt von Nicola Reusch. Sophie Scott, Neurowissenschaftlerin und Alleinunterhalterin, erklärt die Komplexität und die gesellschaftliche Bedeutung des Lachens.

Wie bringt man ein Publikum aus Wissenschaftlern zum Lachen? Für Sophie Scott, ist die Antwort einfach: Audioclips von sich schlapplachenden Menschen abspielen, denn Lachen ist ansteckend.

Sophie Scott
Sophie Scott
Mit freundlicher Genehmigung
von Sophie Scott

Für Sophie ist das allerdings mehr als nur ein gute Möglichkeit das Eis zu brechen. Sie erforscht am University College London (UCL) im Vereinigten Königreich die Neurowissenschaft des Lachens. Dabei untersucht sie sowohl den physischen Prozess des Lachens, als auch den sozialen Zweck: Wie nutzen wir Lachen in Beziehungen? Lachen sei nicht nur lustig, erklärt Sophie sondern auch unglaublich nützlich.

Stellen Sie sich vor, Sie reisen in ein fremdes Land, in dem Sie weder die Sprache sprechen, noch mit der Kultur vertraut sind – wie ist dann eine Kommunikation möglich? Tatsächlich gibt es nur einige wenige universelle Ausdrücke und Gesten. Die meisten Menschen erkennen Furcht und Ekel. Aber Freude? Oder Genuss? Eine positive Emotion ist allerdings, wie Sophie gezeigt hat, universell: das Lachen. Ihre Forschung führte Sophie in die Savanne in Afrika. Wenn sich dort ein Jäger dumm vorkommt oder er verlegen ist, beginnt er zu lachen. Und kurze Zeit später lachten Sophie und ihr Forscherteam einfach mit.

Zurück vor ihrem Publikum verwendete Sophie Audioclips, um ihre Zuhörer zum Lachen zu bringen. Dabei sei es nicht nur die Tonspur, die uns mitlachen lässt, sagt Sophie, auch die Reaktionen unserer Nachbarn und Kollegen in unserer Nähe sind wichtig. Es liegt nahe zu denken, dass wir über Witze lachen. Hauptsächlich lachen wir jedoch, um mit anderen Menschen zu interagieren. Ein Charakterzug, der sich quer durch alle Säugetiere, von Primaten bis zu Ratten, zieht. Lachen ist dabei immer eine Art von Spiel. “Es ist ein sehr soziales Verhalten”, erklärt Sophie. Wir interagieren durch Sprechen mit anderen Menschen – das ist jedoch eine ausschließlich menschliche Fähigkeit. Außerdem nutzen wir das Lachen, also eine sehr alte Verhaltensweise aller Säugetiere, um Menschen zu zeigen, dass wir sie mögen.

Wann immer man jemanden lachen höre, aktiviere das Gehirn die Neuronen und bereite sich darauf vor, mitzulachen, so Sophie. Wir sind darauf getrimmt, mitzumachen. Es gibt zwei Arten des Lachens: das unwillkürliche Lachen, bei dem man kaum atmen kann, und ein „gefälschtes“ Lachen, das als soziales Schmiermittel verwendet wird. Sophie hat gezeigt, dass auch dieses „gefälschte“ Lachen das Gehirn aktiviert. Und das, obwohl beide Typen sich in ihren physischen und neurologischen Signalen unterscheiden. Sophies Forschung hat nicht nur gezeigt, dass beide Arten des Lachens unsere Neuronen aktivieren, sondern auch, dass das „falsche“ Lachen zum Nachdenken anregt: Unser Gehirn versucht dann zu verstehen, warum eine andere Person lacht und wie wir reagieren sollten.

girl laughing
Lachen ist universell
Mit freundlicher Genehmigung von Alon; Bildquelle: Flickr

Lachen ist also eine Art soziales Werkzeug, durch das wir verschiedene Emotionen übermitteln. Es verbindet uns mit anderen Menschen und zeigt, dass wir keine Gefahr darstellen. Und obwohl wir zwischen „falschem“ und „richtigem“ Lachen unterscheiden können, sagt Sophie, sei das „falsche“ Lachen mit seiner sozialen Rolle nützlich.

Zur Verdeutlichung fällt Sophie ein Vorkommnis ein, das sie kürzlich im Zug beobachtet hat: Zwei Männer setzten sich an einen Tisch im Zug, an dem bereits eine arbeitende Frau saß. Die Frau stand auf, um sich woanders hin zu setzen. Als sie erklärte warum (sie mochte den Geruch des Kaffees der Männer nicht), lachte sie und hat die beiden anderen damit angesteckt. Auf diese Weise habe sie die Situation perfekt entschärft und die beiden Männer nicht verärgert, sagt Sophie. Trotzdem, so glaubt Sophie, könne sich keiner der Beteiligten an das Lachen erinnern, wenn man ihn oder sie danach fragen würde.

Sophies Meinung nach, unterschätzen wir, wie viel wir Lachen – auch wenn wir es jeden Tag zum Fördern von Bindungen und zur Deeskalation von Konfrontationen und negativen Emotionen verwenden. Für alle, die sagen, dass sie Leute mögen, die einen zum Lachen bringen, hat Sophie ein aufschlussreiches Resümee: Statt Leute zu mögen, die uns zum Lachen bringen, lachen wir mit anderen Menschen, gerade weil wir sie bereits mögen.

Lachen aus der Sicht von Verhaltens- und Neurowissenschaftlern zu verstehen, ist also mehr als über Witze nachzudenken. Es ist ein wichtiges Verbindungsglied zwischen der menschlichen Sprache, Beziehungen und emotionalen Gemütszuständen. Suchen Sie also nicht nur nach Menschen mit gutem Humor, wenn Sie ein Dating-Profil ausfüllen. Seien Sie aufmerksam, ob Sie und Ihre Verabredung gerne gemeinsam lachen.

Physischer Hintergrund des Lachens

Um das Lachen zu verstehen, sollte man nicht nur auf das Gehirn schauen. Auch der Brustkorb muss berücksichtigt werden – ein Bereich, dem Psychologen und Neurowissenschaftler normalerweise nicht viel Zeit widmen. Wir verwenden den Brustkorb ständig zum Atmen. Die interkostalen, zwischen den Rippen liegenden, Muskeln sorgen für das Ein- und Ausströmen von Luft in die Lunge. Dazu wird der Brustkorb gedehnt und kontrahiert. Die Bewegung erfolgt dabei in einem sanften, sinusförmigen Verlauf. Wenn wir sprechen, atmen wir allerdings auf komplett andere Weise: Sehr feine Bewegungen des Brustkorbs drücken die Luft nach außen.

breathing measurements
Vergleich von normalem Atmen, Lachen und Sprechen. Oben ist die Amplitude des Tons, in der Mitte die Frequenz und unten die Expansion des Brustkorbs gezeigt
Mit freundlicher Genehmigung von Scott et al 2014

Die Atmung kann jedoch durch Lachen unterbrochen werden. Wenn wir lachen beginnen die interkostalen Muskeln sehr regelmäßig, zick-zackartig zu kontrahieren. Jedes Zusammenziehen führt zu einem „Ha!“-Laut. Wenn die Kontraktionen immer schneller hintereinander stattfinden, kann es zu einem Verkrampfen und Keuchen kommen. Wenn man Freunden beim Lachen zuhört, stellt man fest, dass sie beim Lachen sehr viel höhere Töne erreichen können als normal. Das liegt an der Kraft, mit der die Luft aus den Lungen gedrückt wird. Die Tonhöhen steigen mit der physiologischen Erregung der lachenden Person an. Dies kann auch zu Keuchen, Prusten, Grunzen und Pfeifen führen.

Genauso wie unterschiedliche Gehirnareale für das “falsche” und unwillkürliche Lachen verantwortlich sind, existieren akustische und phonetische Unterschiede zwischen den beiden Arten – das hat Sophies Forschung gezeigt. Einige dieser Unterschiede sind direkt mit den Kräften, die beim unwillkürlichen Lachen wirken, verknüpft. Diese Kräfte können nicht bewusst angesprochen werden. Sophie glaubt, dass „falsches“ Lachen nicht unbedingt eine schwächere Form des „richtigen“ Lachens ist. Vielmehr hat es, ihrer Meinung nach, seine eigenen Erkennungszeichen, die seine soziale Wichtigkeit widerspiegeln.

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Author(s)

Laura Howes ist eine der Editoren von Science in School. Sie hat Chemie an der Universität von Oxford, UK, studiert und ist anschließend einer Gelehrtengesellschaft im UK beigetreten. Dort hat sie begonnen im Bereich der wissenschaftlichen Veröffentlichungen und dem Journalismus zu arbeiten. 2013 ist Laura nach Deutschland gezogen, dem European Molecular Biology Laboratory und Science in School beigetreten.


Review

Als Lehrer/Lehrerin muss man mit Emotionen und menschlichen Interaktionen vertraut sein. Auch der Einfluss auf das Lernen und das soziale Klima in Schulen ist wichtig. Lachen ist eine solche Interaktion, bei der wir von neuen Entdeckungen der Neurowissenschaften profitieren können. Die Forschungsergebnisse, die hier vorgestellt werden, können sowohl für die berufliche Entwicklung eines Lehrers/einer Lehrerin, als auch direkt in Unterrichtsstunden verwendet werden. Beispielsweise in einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Biologie, Chemie, Psychologie und Gesellschaftswissenschaften.

Die Wissenschaft des Lachens kann in einer Diskussion über menschliche Interaktionen und Emotionen angesprochen werden. Dies geschieht in der Schule häufig zu einem sehr frühen Zeitpunkt. Die unterschiedlichen Arten des Lachens können im Zusammenhang mit Emoji und Photos mit jüngeren Schülern und Schülerinnen diskutiert werden. Abstrakter ist eine Diskussion mit älteren Schülern und Schülerinnen anhand neurowissenschaftlicher Daten möglich.

Ich empfehle, dass Lehrer zusammen mit den Schülern und Schülerinnen zum Thema Grundemotionen experimentieren und ihre Erkenntnisse mit den Forschungsergebnissen vergleichen. Wie unterscheiden wir zwischen „falschem“ und „richtigen“ Lachen? Kann man den Unterschied bei Freunden unterscheiden? Kann ein Computer anhand einer Analyse von Tonspuren zwischen beiden Arten unterscheiden?


Ingela Bursjöö, Johannebergsskolan, Göteburg, Schweden




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