Gemischte Gefühle: Synästhesie verstehen Understand article

Übersetzt von Kathrin Schäker-Theobald. Wie wäre es wenn Nummern und Musik farbig wären? Menschen mit Synästhesie nehmen die Welt so wahr – und Wissenschaftler versuchen herauszufinden, warum.

Der Sänger Pharrell Williams
benutzt sein Farbenhören
(auditiv-visuelle Synästhesie)
bei seiner Musik.

Mit freundlicher Genehmigung
von Thomas Hawk, Bildquelle:
Flickr

Welche Farbe hat Dienstag? Diese Frage macht für die meisten Leute keinen Sinn, aber andere, sogenannte Synästheten, verstehen das sehr gut. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass alle eine unterschiedliche Antwort haben werden.

Synästhesie bedeutet wortwörtlich “gemeinsam wahrnehmen”. Es ist ein neurologisches Phänomen, bei dem die Wahrnehmung eines Sinnes ein Gefühl eines anderen anregt. Zum Beispiel ruft der Gedanke an abstrakte Ideen wie Nummern oder Wochentage Assoziationen mit bestimmten Farben hervor. Es ist nicht verstanden warum dies passiert, aber Synästhesie wird wissenschaftlich immer stärker untersucht, um die beteiligten Faktoren zu enträseln. Bisher wurden Verbindungen zu neurologischen und genetischen Faktoren gefunden.

Synästhesieformen

Eine großangelegte Studie in Großbrittanien ergab, dass vier Prozent der Bevölkerung eine Form von Synästhesie hat (Simner et al, 2006). Meistens wissen Synästheten nicht, dass ihre gemischt sinnlichen Assoziationen ungewöhnlich sind, selbst wenn sie mehrere Formen haben. Gemischt sinnliche Assoziationen, die durch Stimuli wie Buchstaben, Nummern und Musik ausgelöst werden, können jeden physischen Reiz auslösen – von visuellen Wahrnehmungen wie Farbe bis zu Geräuschen, Gerüchen, Tastempfindungen und auch Geschmäcken.

Eine der häufigsten Arten ist die graphemisch-visuelle Synästesie, bei der Buchstaben und Nummern mit speziellen Farben assoziiert werden. Ein anderes Extrem sind die faszinierenden Geschichten von Menschen für die Wörter Geschmack haben (lexikalisch-gustatorische Synästhesie) und Musiker wie Pharrell Williams, die ihr Farbhören bei der Gestaltung ihrer Musik nutzen (auditorisch-visuelle Synästhesie).

Der griechische Philosoph und Mathematiker Pythagoras soll eine Form von Synästhesie gehabt haben, bei der er jede Nummer mit einer eigenen Persönlichkeit assoziierte.
Mit freundlicher Genehmigung von Galilea, Bildquelle: Wikimedia Commons / Deutsche Wikipedia

 

Das lange à des englischen Alphabetes […] hat für mich die Farbe von verwittertem Holz, das französiche à erweckt jedoch den Farbton von polierten Ebenholz.” (Auszug von Synästhet Vladimir Nabokovs Autobiographie, Speak, Memory, 1951).
Public Domain Bild; Bildquelle: Wikimedia Commons

 

Graphemisch-visuelle Synästhesie wird aufgrund der einfachen Untersuchungen am häufigsten erforscht. Große Studien, in denen graphemisch-visuelle Synästheten untereinander und mit Nicht-Synästheten verglichen wurden, zeigten eine große Variabilität schon nur bei dieser einen Form von Synästhesie. Zum Beispiel sehen manche graphemisch-visuelle Synästheten die assoziierten Farben als Projektion in ihrer Umgebung, während andere sie nur mental, mit ihren “inneren Augen” sehen. Eine andere Erkenntnis ist, dass die meisten synästhetischen Assoziationen sehr persönlich sind und das lebhafte Alphabet jedes graphemisch-visuellen Synästhets ist einzigartig. Es ist vielleicht überraschend, aber die Buchstaben I, O, X und Z sind tendentiell schwarz oder weiß bei den meisten graphemisch-visuellen Synästheten, selbst in einem ansonsten regenbogenfarbigem Alphabet.

Aber welche Menschen haben Synästhesie? In einer neueren Studie wurden 1000 Menschen untersucht. Sie widerlegte die lang geglaubte Vermutung, dass dieses Phänomen vermehrt bei Frauen auftritt (Simner & Carmichael, 2015). Der führende Autismusforscher Simon Baron-Cohen hat herausgefunden, dass Synästhesie häufiger unter Menschen mit Autismus vorkommt (Baron-Cohen et al, 2013), Dieses Ergebnis steht in Verbindung mit dem außergewöhnlichen Fall von Daniel Tammet, ein hochfunktionierender autistischer Mann mit facettenreicher Synästhesie. Tammet nutzte seine Synästhesie 2004 um über 20000 Nachkommastellen der mathematischen Zahl π (Pi) zu merken und aufzusagen.

Musikalische Texturen

Svetlana Rudenko, eine in Irland lebende, ausgezeichnete Pianistin, hat eine komplexe Art von Musik-Raum-Synästhesie, bei der sie Töne als texturierte Bilder in ihrer Umgebung wahrnimmt. Wenn sie beschreibt, wie Musik und Sehen bei ihr zusammen hängen, meint sie: „Ich sehe eine Leinwand mit Schallwellen und ich kontrolliere mein Gedächtnis indem ich sie während des Spielens lese und zeitgleich verändere … um alle Elemente der musikalischen Textur zu hören.” Dies führte zu einigen Schwierigkeiten, als sie das Klavierspielen lernte. „Ich konnte kein crescendo und diminuendo (graduell lauter oder leiser werden), wie andere Schüler das machen,” sagt sie. „Für mich ist ein Bild sehr mit dem Ton verbunden, um den Ton zu verändern, muss ich das Bild neu denken.” Svetlana nutzt ihre gemischt sinnliche Wahrnehmung beim Lehren, indem sie ihre Eindrücke anwendet, um Schülern beizubringen komplexe Stücke zu spielen. „Ich verwende eine Menge Stifte mit unterschiedlichen Farben um Schichten musikalischer Textur hervorzuheben.”, sagt sie. „Indem ich diese Veränderungen farbig markiere, helfe ich meinen Schülern ihre eigene Geschichte des Stückes zu entwickeln und ihre Vorstellungskraft anzutreiben.” Sie ist der Meinung, dass der multisensorische Ansatz mit den Anweisungen am besten mit ihren jüngsten Schülern funktioniert.

Was ist der Auslöser für Synästhesie?

WWährend manche synästhetische Erfahrungen exotisch erscheinen, haben wir alle die Tendenz Qualitäten verschiedener Sinne zu vernetzten – ein Phänomen das intermodale Assoziation genannt wird. Zum Beispiel stimmen die meisten Menschen überein, dass höhere Töne zu hellen Farben gehören, tiefe Töne zu dunklen Farben.

Also was genau ist dann anders im synästhetischen Gehirn? Studien mit neurobildgebenden Verfahren zeigen Unterschiede zwischen unterschiedliche Strukturen in den Gehirnen von Synästheten und Nicht-Synästheten. Das weißt auf eine biologische Basis für dieses Phänomen hin. Eine 2007 durchgeführte Studie konnte zeigen, dass Menschen mit Graphem-Farb-Synästhesie eine stärkere Vernetzung in manchen Stellen der Hirnrinde haben(Rouw & Scholte, 2007), während andere Studien gezeigt haben, dass bei diesen Menschen stärkere Aktivitäten zwischen den farbverarbeitenden Bereichen und anderen Gehirnarealen stattfinden (Tomson et al, 2013).

Könnte es also eine genetische Grundlage für Synästhesie geben? Franci Galton berichtete 1883, dass Synästhesie scheinbar häufiger in Familien vorkommt (Galton, 1883). Die heutige Sicht ist, dass Synästhesie zumindest teilweise genetisch bedingt ist: Studien an Familien mit mehreren Synästheten fanden mehrere Bereiche im Genom, die mit diesem Phänomen in Verbindung gebracht werden (Asher et al, 2009; Tomson et al, 2011). Diese Studien waren zu klein um spezifische Gene identifizieren zu können, daher werden nun größer angelegte Studien zur Graphem-Farb-Synästhesie, angeleitet von Simon Fisher am Max Planck Institute for Psycholinguistics in den Niederlanden, durchgeführt.

Synästhesie im Klassenzimmer

Das Klassenzimmer kann eine zentrale Rolle in der Entwicklung von Synästhesie spielen, da dort Alphabet, Nummern und der Kalender mit dem Gedächtnis in Verbindung gebracht wird. Studien im Vereinigten Königreich, bei denen Grundschulkinder über mehrere Jahre beobachtet wurden, haben gezeigt, dass Synästhesie Zeit benötigen kann um sich zu entwickeln: Die wenigen Kinder in jeder Grundschule, die Graphem-Farb-Synästheten wurden, assoziierten graduell die Farben ihres Alphabetes während ihrer ersten Schuljahre (Simner & Bain, 2013). Diese Kinder wählten feste Farben für 34% des Alphapetes im Alter von 6-7, 48% im Alter von 7-8 und 71% im Alter von 10-11 Jahren.

Lehrer oder Eltern bemerken die synästhetische Wahrnehmung eines Kindes wenn es eine Äußerung macht die zwei Sinne miteinander vermischt – zum Beispiel ein grummelnder Magen, der sich “gelb anfühlt” oder wenn jemand die “falsche Farbe” verwendet, um das Wort Dienstag zu schreiben. Wenn ein Kind nicht das Gefühl hat, dass seine Erfahrungen es beim Lernen beeinträchtigt ist die Synästhesie meistens nur Teil des Hintergrundes wie es die Welt erlebt und hat keine nachteiligen Konsequenzen.

Kann aber Synästhesie im Klassenzimmer nützlich sein? Anekdoten und Forschungen vermuten ja, manchmal. Graphem-Farb-Synästheten sagen oft, dass die Farben ihnen helfen Telefonnummern oder andere numerische Informationen zu merken. In psychologischen Studien haben Synästheten besser als Nicht-Synästheten bei Gedächtnisübungen abgeschnitten, wenn sie ihre Fähigkeiten zum Erinnern nutzen konnten (Watson et al, 2014). In seinem Buch Elf is Freundlich und Fünf ist laut (engl. -Originaltitel Born on a Blue Day) erklärt Daniel Tammet wie sein Sinn für die einzigartige Farbe, Form und Ort jeder Nummer ihm hilft komplexe mathematische Gleichung in Blitzgeschwindigkeit zu lösen (Tammet, 2006).

Das abstrakte Gemälde des Künstlers Vassily Kandinsky (rechts) verdeutlicht seine Erfahrung Musik in Farben wahrzunehmen.
Public Domain Bild; Bildquelle: Wikimedia Commons

 

 

Vergangenheit und Gegenwart

Wegen ihrer andersartigen Natur wurden synästhetische Wahrnehmungen oftmals als übernatürlich angesehen. VS Ramachandran, Neurowissenschaftler und Autor, berichtet einen ungewöhnlichen Fall eines jungen Mannes dessen Synästhesie sich als Wahrnehmung von farblichen Halos um Gesichter von Menschen ausprägte. Dieser Fall könnte eine Erklärung für folkloristische Geschichten bieten, die von Menschen, die Auren sehen können, handeln (Ramachandran et al, 2012).

Unser wachsendes Wissen über die biologischen Ursachen der Synästhesie im Gehirn rücken diese Assoziationen aus dem Reich der Geistergeschichten ins Labor. Bemerkenswert an der Synästhesie ist, dass die Eindrücke, die sie generiert sehr subjektiv und gleichzeitig bei jedem Individuum sehr stabil sind. Das erinnert uns daran, dass, auch wenn wir uns einig sind, dass zum Beispiel eine Tomate rot ist oder zwei plus zwei vier ergibt, unsere inneren Erfahrungen dieser Ideen in den augenscheinlich faktischen Feststellungen variieren und persönlich sind.

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References

Resources

  • Beliebte Bücher über Synästhesie:
    • Ward J (2008) The Frog Who Croaked Blue: synesthesia and the mixing of the senses. London, UK: Routledge. ISBN: 9780415430135
    • Cytowic R, Eagleman D (2009)Wednesday is Indigo Blue: discovering the brain of synesthesia. Cambridge, USA: MIT Press. ISBN: 9780262012799
  • Mehr zu Daniel Tammets Bilder verschiedener Nummern und sein Buch Elf ist freundlich und Fünf ist laut (engl. Born on a Blue Day) findet man auf seiner website.
  • Auf der Webseite der University of Sussex gibt es Antworten zu häufigen Fragen über Synästhesie.
  • Weiterführender Link zur Webseite der UK Synaesthesia Association.
  • Weiterführender Link zur Webseite der American Synesthesia Association.
  • Um an einer Studie zur Untersuchug von genetischen Ursachen der Synästhesie teilzunehmen, besuchen Sie die Webseite des Max Planck Institute for Psycholinguistics.
  • Für Tests um verschiedene Typen von Synästhesie zu erkennen, besuchen Sie die Webseite des Baylor College of Medicine’s Synesthesia Battery.
  • Um mehr über wissenschaftlicher Forschung über andere scheinbar jenseitige Erfahrungen zu lernen, stöbern Sie in:

Author(s)

Dr. Amanda Tilot ist eine Postdoktorandin im Language and Genetics Department des Max Planck Institute for Psycholinguistics in Nijmegen, Niederlande. Sie arbeitet mit Professor Simon Fisher und studiert die Genetik von Synästhesie in großen Populationen und einzelnen Familien. Amanda erhielt 2014 ihren Doktortitel von der Case Western Reserve University (USA) wo sie die Genetik von Autismus untersuchte.


Review

Dieser Artikel regt den Leser dazu an mehr über Synästhesie zu lernen und die Komplexität des menschlichen Gehirns zu schätzen. Der Artikel könnte für Diskussionen zu folgenden Fragen verwendet werden:

  • Wie reagieren Menschen auf sensorische Stimulation?
  • Ist eine Erfahrung, die durch den gleichen Stimulus ausgelöst wurde, für jede Person die gleiche?
  • Was definieren wir als normal?

Alina Giantsiou-Kyriakou, Livadia High School, Larnaca, Zypern




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