Außerkörperliche Erfahrungen entdecken: Interview mit Henrik Ehrsson Understand article

Übersetzt von Daniel Busch. Jeder kennt das Gefühl neben sich zu stehen, aber haben sie jemals wirklich das Gefühl gehabt, euch außerhalb eures Körpers zu befinden – und euch selber von außen zu sehen? Marta Paterlini sprach mit Henrik Ehrsson, einem Wissenschaftler, der dieses Phänomen…

Henrik Ehrsson
Mit freundlicher Genehmigung
von Henrik Ehrsson

Außerkörperliche Erfahrungen (AKE, engl.: out-of-boy experiences, OBEs) haben die Menschen schon seit Jahrtausenden fasziniert – ihre Existenz hat fundamentale Fragen zur Beziehung zwischen menschlichem Bewusstsein und dem Körper aufgeworfen, und wurde in der Theologie, Philosophie und Psychologie diskutiert. Man spricht von einer außerkörperlichen Erfahrung, wenn eine Person im wachen Zustand seinen oder ihren Körper von einem Ort außerhalb des eigenen Körpers sieht. Außerkörperliche Erfahrungen wurden in klinischen Bedingungen beobachtet, in denen sich die Gehirnfunktion einschließen, wie beispielsweise beim Schlaganfall, Epilepsie und Drogenmissbrauch, oder im Kontext von traumatischen Erlebnissen, wie einem Autounfall. Ungefähr jeder Zehnte behauptet zu einem Zeitpunkt des Lebens ein AKE durchlebt zu haben.

Dennoch verbleibt die Neurowissenschaft hinter diesem Phänomen obskur. Henrik Ehrsson, ein 38-jähriger Wissenschaftler der Kognitiven Neurowissenschaft am Karolinska Institutw1in Stockholm, Schweden, untersucht wie sich das Gehirn selber darstellt, und hat erstmals das Phänomen der außerkörperlichen Erfahrungen bei gesunden Freiwilligen induziert. Er bildete eine Illusion nach, in der sich die Individuen von außerhalb ihrer Körper auf sich selber schauen.

Henrik Ehrsson erklärt:

Wie erkennen wir, dass unsere Glieder Teile unseres Körpers sind, und warum fühlen wir unser Selbst als im Köper befindlich? Im Umfang meiner Forschungen versuche ich, die neuronalen Mechanismen, die das Gefühl des Besitzes des Körpers produzieren, und die Prozesse, die dafür verantwortlich sind, dass wir das Selbst innerhalb unseres Körpers annehmen, zu identifizieren. Bislang gab es keine Möglichkeit, AKEs in gesunden Menschen zu induzieren, wenn man einmal von unbeweisbaren Berichten aus der okkulten Literatur absieht

Können Sie ihre Experimente beschreiben?

Die Freiwilligen tragen Schutzbrillen mit einem kleinen Videobildschirm für jedes Auge. Jeder Bildschirm zeigt Bilder von einer jeweils separaten Kamera hinter dem Freiwilligen. Da die beiden Bilder vom Gehirn zu einem Bild kombiniert werden, sieht das Individuum ein stereoskopisches (3D) Bild von seiner oder ihrer Rückseite. Dann bewegen wir die Plastikstange langsam auf einen Ort genau unterhalb der Kameras zu, während der Oberkörper des Freiwilligen simultan an entsprechendem Ort berührt wird. Die Teilnehmer berichten vom Gefühl, dass sie sich an dem Ort fühlen, an dem die Kameras angebracht sind und dabei einen Körper zu beobachten

Um die Illusion weiter zu testen und weitere objektive Beweise zu liefern, habe ich dann weitere Experimente durchgeführt um die physiologische Antwort der Freiwilligen in einem Szenario, in dem sie dem Gefühl ausgesetzt sind, dass ihr illusorischer Körper bedroht wird, zu messen – insbesondere den Grad der Perspiration auf der Haut. Mit einem Hammer haben wir einen Punkt unterhalb der Kameras attackiert – einem Punkt an dem sich gemäß der Illusion der Körper des Freiwilligen befindet. Die körperliche Reaktion der Freiwilligen zeigt deutlich an, dass er oder sie die Bedrohung für wahr hielt: in dem Moment als der Hammer den illusorischen Körper ‚traf‘, schwitzten die Freiwilligen vermehrt. Das zeigt, dass die Erfahrung der Lokalisation innerhalb des Körpers durch die visuelle Perspektive in Verknüpfung mit korrelierten multisensorischen Informationen vom Körper beeinflusst werden kann

Danach sind Sie noch weitergegangen und haben erfolgreich die Illusion des Körpertauschs kreiert, indem Sie die Freiwilligen den Körper von Schaufensterpuppen und anderen Personen als ihren eigenen haben wahrnehmen lassen. Dabei haben sie einen Mann in einen weiblichen Körper versetzt, eine junge Person in einen alten Körper, eine weiße Person in einen schwarzen Körper, und umgekehrt.

Körpertausch mit einer
Schaufensterpuppe

Mit freundlicher Genehmigung
von Staffan Larsson

Ja, wir haben nachgewiesen, dass das Gehirn sehr schnell eine andere menschliche Form als eigen annehmen kann, unabhängig vom Grad des Unterschieds, wenn es durch optische und sensorische Illusionen ausgetrickst wird. Wir haben zwei Experimente entwickelt. Im ersten haben die Forscher den Kopf einer Schaufensterpuppe mit Kameras ausgestattet, die mit zwei kleinen Bildschirmen vor den Augen des Freiwilligen verbunden waren, sodass der Freiwillige sehen konnte, was die Schaufensterpuppe ’sah‘.

Wenn die Kameraaugen der Puppe und der Kopf des Freiwilligen, ausgerüstet mit der Kamerabrille, nach unten gerichtet wurden, sah der Freiwillige den Körper der Puppe, wo er oder sie normalerweise seinen oder ihren eigenen Körper gesehen hätte. Durch eine simultane Berührung der Bäuche von Freiwilligem und der Puppe konnten wir die Illusion eines Körpertauschs kreieren. 

Die Freiwilligen konnten sehen, dass der Bauch der Puppe berührt wurde, während er oder sie eine ähnlich Berührung ihres eigenen  Körpers gefühlt (aber nicht gesehen) haben. Dadurch entwickelten die Freiwilligen den starken Eindruck, dass der Körper der Puppe der ihre sei.

Im zweiten Experiment haben wir die Kameras am Kopf einer anderen Person befestigt. Als diese Person und der Freiwillige sich einander zugewendet haben, um sich die Hände zu schütteln, haben die Freiwilligen den Körper des Kameraträgers als seinen oder ihren eigenen empfunden. Die Freiwilligen sahen sich selber beim Händeschütteln und erlebten es so, als wären sie die andere Person. Der sensorische Eindruck vom Händeschütteln wurde so wahrgenommen, als käme er vom neuen Körper anstatt vom eigenen.

Die Stärke der Illusion wurde dadurch nachgewiesen, dass der Freiwillige Stressreaktionen zeigte, nachdem ein Messer an den Arm des Kameraträgers, jedoch nicht, als es an den eigenen Arm gedrückt wurde. Dennoch konnten sich die Freiwilligen nicht selber überlisten und sich mit einem nicht-menschenähnlichen Objekt identifizieren, wie einem Stuhl oder einem großen Block.

Körpertausch mit einer
anderen Person

Mit freundlicher Genehmigung
von Staffan Larsson

Konnten sie einen geschlechtsspezifischen in den Reaktionen der Freiwilligen feststellen?

Wir haben keine großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern gefunden. Alle Freiwilligen haben den neuen Körper schnell erkannt. Während einer Sitzung, mochte eine sehr durchtrainierte Freiwillige den Körper des Wissenschaftlers, mit dem sie den Körpertausch vollzogen hatte, nicht und war extrem erleichtert wieder in ihren eigenen Körper zurückzukehren. Und ein sehr behaarter männlicher Teilnehmer hat sehr gut darauf reagiert, die Puppe zu sein und war nach der Rückkehr in seinen eigenen Körper schockiert, wie haarig er war.

Welche Art der Anwendung könnten ihre Studien in der Medizin oder ganz Allgemein finden?

Die Erkenntnis dass der Sinn der Selbstwahrnehmung manipuliert werden kann, um Menschen glauben zu machen, dass sie einen neuen Körper haben, kann in Anwendungen der virtuellen Realität und der Robotik benutzt werden. Ein Beispiel findet sich in der Entwicklung prothetischer Gliedmaßen, die sich wie ein echter Körperteil anfühlen, oder als Möglichkeit, humanoide Roboter durch die Illusion ‚der Roboterwerdung‘ zu kontrollieren.Das Induzieren einer AKE könnte aber auch industrielle Anwendung finden. Es handelt sich dabei schließlich um eine Weise der Selbstprojektion – eine Form der kognitiven ‚Teleportation‘. Stellen Sie sich nur mal die Auswirkungen vor, wenn wir Menschen in einen virtuellen Charakter projizieren könnten, sodass sie sich so fühlen und reagieren als wären sie wirklich in einer virtuellen Version ihrer selbst. Ein Chirurg könnte beispielsweise eine Fernoperation durchführen, indem er sein virtuelles Selbst von einem anderen Ort aus kontrolliert.

Seit wann interessieren Sie sich für die Naturwissenschaften? Hat jemand bestimmtes sie inspiriert?

Ich habe schon sehr früh begonnen, mich für die Naturwissenschaften zu interessieren, als ich 7-8 Jahre alt war und mein Vater mir ein Mikroskop und einen Chemiekasten schenkte. Aber es gab nicht wirklich eine besondere Person [die mich inspiriert hat]. Das Thema selber hat mich inspiriert und Bücher spielten eine große Rolle. Naturwissenschaften waren mein Hauptfach und ich habe Medizinwissenschaft mit dem Ziel verfolgt, ein Forscher zu werden. Als ich vom Gehirn fasziniert wurde, habe ich Bücher über das Bewusstsein verschlungen, anstatt zu langweiligen Kursen über Physiologie und Anatomie des Körpers zu gehen, und habe dadurch realisiert, dass noch so wenig über das Gehirn und den Verstand bekannt ist.

Was würden Sie Jugendlichen raten, die sich mit den Naturwissenschaften beschäftigen wollen? Haben Sie irgendwelche Ratschläge zu besonderen Forschungsfeldern oder Karriereentscheidungen? Welche Eigenschaften machen einen guten Forscher aus?

Ich würde ihnen raten ihrem Herzen zu folgen. Die Naturwissenschaften sind in dem Sinn schwer, da von dir erwartet wird, Probleme zu lösen und wenn du Erfolg hast, willst du weitere Probleme finden und lösen. Manchmal ist das eine Qual und die Herausforderungen erscheinen unüberwindbar. Leidenschaft ist dann der Auslöser, aber man sollte auch ein definiertes Langzeitziel haben. Es ist also eine Kombination aus Neugier, Leidenschaft, Wissen, harter Arbeit und auch einem Quäntchen Glück. Zu guter Letzt braucht man auch noch die richtige Umgebung, in der man finanziell und intellektuell unterstützt wird und wachsen kann.

Glauben Sie, dass die Naturwissenschaft irgendwann Alles erklären kann?

Absolut! Es mag noch hunderte von Jahren dauern, aber ich denke definitiv, dass die Naturwissenschaften sogar so komplexe Aspekte wie den menschlichen Geist erklären können wird. Möglicherweise mögen das die Philosophen nicht und behaupten weiterhin, dass es ungelöste Fragen über das Bewusstsein gibt, aber wir werden jeden Anteil dekonstruieren.

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Web References

  • w1 – Um mehr über das Karolinska Institut, eine der größten Medizinischen Hochschulen in Europa, erfahren, siehe:  www.ki.se

Resources

  • Um mehr über Henrik Ehrssons Forschungen zu erfahren und kostenlos Forschungspublikationen herunterzuladen, siehe den Weblink seiner Forschergruppe:  www.ehrssonlab.se

Author(s)

Marta Paterlini ist eine italienische freiberufliche Wissenschaftsautorin, die in Stockholm lebt. Seit 1995 hat sie regelmäßig in Le Scienze (die italienische Version des Scientific American) und La Stampa (die drittgrößte italienische Tageszeitung) publiziert.


Review

Dieser Artikel diskutiert außerkörperliche Erfahrungen und regt zum Nachdenken über ihr Gefühl des Selbst an. Er lässt Sie darüber nachsinnen, was Sie wirklich sind, wie Sie emotional zu ihrem Körper stehen, welche Konzepte nur von unserem Verstand generiert werden und wie leicht es ist, das Gehirn auszutricksen.Nach dem Lesen dieses Artikels wollen Sie der Forschergruppe angehören und selber eine außerkörperliche Erfahrung erleben.

Im Unterricht könnte der Artikel verwendet werden, um Neurologie und das menschliche Gehirn zu diskutieren.


Andrew Galea, Malta




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