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Home » Issue 9 » “Rendezvous mit der Genmaschine”: Wie Schüler/innen zu Diskussionen über Bioethik angeregt werden können “Rendezvous mit der Genmaschine”: Wie Schüler/innen zu Diskussionen über Bioethik angeregt werden könnenSubmitted by rau on 02 April 2009
Übersetzt von Veronika Ebert
Genetik: ein schwieriges Fachgebiet Seit der Aufklärung der DNA-Struktur durch Watson und Crick vor 55 Jahren hat sich die Gentechnik rasant entwickelt. Aber viele dieser Fortschritte, wie z.B. die immer größer werdende Zahl von Gentest, mit denen Krankheiten vorhergesagt werden können, die Steigerung der Zahl genetischer Daten in Genbankenw1und die Fortschritte in der Reproduktionstechnologie, werfen komplexe persönliche, soziale und ethische Fragen auf, die den Einzelnen und die Gesellschaft betreffen. Wer soll Zugriff auf das genetische Profil eines Menschen haben, und wofür soll es genutzt werden? Wie beeinflussen personenbezogene genetische Daten die eigene Wahrnehmung und wie wird die Wahrnehmung anderer beeinflusst? Wem gehören die genetischen Daten, und wer kontrolliert sie? Wie sind Minderheiten von der Kenntnis genetischer Daten betroffen? Das sind nur einige Fragen, über die Schülerinnen und Schüler im Alter von 13 bis 18 nachdenken und diskutieren sollen, wenn sie an einer “Rendezvous mit der Genmaschine”w2 (“Meet the Gene machine” im englischen Original) - Unterrichtseinheit in der Klasse teilnehmen. Die Aktivitäten konzentrieren sich dabei auf Diskussionen und Diskurse, die die Schüler/innen anregen sollen, kritisch über die Bedeutung der Wissenschaft für ihr eigenes Leben und die Gesellschaft nachzudenken. Diese Fähigkeiten standen im Mittelpunkt der Wissenschaftskurse, die kürzlich in England und Walesw3(Burden, 2007; Millar, 2006) abgehalten worden sind und von den beteiligten Schülerinnen und Schülern gut angenommen wordenw4. Die Initiative “Rendezvous mit der Genmaschine” wurde von der „Science Communication Unitw5 an der University of the West of Englandw6 in Bristol entwickelt und wurde vom Wellcome Trustw7 gefördert. Das Projekt und die dabei entwickelten Unterrichtsmaterialien entstanden in Zusammenarbeit von Naturwissenschaftern, eines/r genetischen Beraters/in, einer Lehrperson und einem/ Schauspieler/in. Das Kursdesign ist in Großbritannien und weiteren Staaten getestet worden. Die Unterrichtsmodule sind einfach durchzuführen und leicht auf verschiedene Zielgruppen übertragbar: sie wurden in der Arbeit mit Studenten/innen, in Wissenschaftszentren, mit Museumsmitarbeiter/innen, Schauspieler/innen und Schüler/innen erfolgreich eingesetzt. Die Module sind besonders für die Altersgruppe 13-18 geeignet, eignen sich aber auch für andere Altersgruppen. Versuchen Sie es selbst Ein “Rendezvous mit der Genmaschine”-Events beginnt mit einem kurzen Rollenspiel: ein/e Wissenschafter/in erklärt in einer Talkshow im Fernsehen eine neu entwickelte Genmaschine. Das Rollenspiel regt zu einer fundierten und lebhaften Diskussion an, indem es Schüler/innen und Schüler in die Grundlagen der Genetik einführt werden und fundamentale ethische und soziale Fragen über die gegenwärtigen und zukünftigen Möglichkeiten der Gentechnik aufgeworfen werden. Moderator: … Wie heißt dieses Gerät? Das Drehbuch für dieses Rollenspiel kann für Unterrichtszwecke kostenlos heruntergeladenw2 werden. Der Dialog kann zwischen zwei Schüler/innen, oder zwei Lehrer/innen ablaufen. Als Materialien werden nur ein Wattestäbchen und eine fiktive Genmaschine benötigt, die nach den Vorstellungen der Lehrkraft oder der Schüler/innen gestaltet werden kann. ![]() Mit freundlicher Genehmigung der Science Communication Unit Chris: Das ist aber ein interessantes Gen! Nach dem Rollenspiel folgt eine moderierte Diskussion, in der die Schüler/innen ihre eigene Meinung zu Gentests artikulieren können, und jene der Mitschüler/innen kennen lernen. Um möglichst viele Schülerinnen und Schüler in die Diskussion mit einzubeziehen, hat das Projektteam einige Ideen und Spiele entwickelt, die sich für unterschiedliche Unterrichtssituationen eignen. Im Folgenden werden zwei der erfolgreichsten Techniken beschrieben. Das Einschätzungsspiel Bitten Sie Schüler/innen einzuschätzen, wie stark bestimmte Merkmale (z.B. die Haarfarbe) genetisch bedingt sind. Dieses Spiel begeistert die Schüler/innen und ermöglicht der Lehrkraft, die fachlichen Vorkenntnisse der Schüler/innen einzuschätzen und auf nicht vollständig aufgeklärte wissenschaftliche Unsicherheiten hinzuweisen. Erforderliche Materialien 1) Karten (laminiertes A4-Blatt, oder noch besser, A3) mit Aufdruck genetisch bedingter und nicht genetisch bedingter Eigenschaften (Beispiele siehe unten). Die Schüler/innen sollen diskutieren, wie stark die jeweilige Eigenschaft genetisch bedingt ist. Vorschläge für Eigenschaften Musische Fähigkeiten 2) Karten mit “genetisch bedingt” und “nicht genetisch bedingt” an gegenüber liegenden Wänden des Klassenraums. Während der Diskussion sollen die Schüler/innen das laminierte Blatt mit der jeweiligen Eigenschaft an jener Stelle auf die Wand heften, die ihrer Einschätzung entspricht. Um die Spannung aufrecht zu erhalten, sollte das Einschätzungsspiel nur mit vier bis fünf Eigenschaften durchgespielt werden. Es können sowohl Merkmale, die in vorangegangenen Unterrichtseinheiten besprochen worden sind, oder neue Eigenschaften diskutiert werden.
Informationen über neue Entwicklungen und Technologien finden sich auf der Science Communication Webseitew4. Von dort können die gesammelten, monatlich erscheinenden Newsletter des “Rendezvous mit der Genmaschine”-Teams, die laufend über Entwicklungen der Genetik informieren, frei heruntergeladen werden. Diskussion zum Datenschutz Bei dieser Aktivität beschäftigen sich die Schüler/innen mit der Frage der Vertraulichkeit, und der Frage, wem die genetischen Daten gehören. Der Frage der Einwilligung mit der Weitergabe der Daten, und weiter reichenden Auswirkungen der Gentests. Teilen sie die Schüler/innen in Gruppen und fordere Sie sie auf, zu diskutieren, “wem sie Details über ihrer genetischen Ausstattung mitteilen würden und wem sie diese Informationen keinesfalls geben würden.“ Erforderliche Materialien Karten mit den Namen der unten genannten Personengruppen (laminiertes A4-Papier, noch besser A3). Für eine Klasse mit 30 Schüler/innen sollten 24 Karten vorbereitet werden, je nachdem, ob die Diskussion im Plenum oder in Kleingruppen ablaufen soll. Familie Tipps Teilung der Klasse in 5er-Gruppen. Jede Gruppe bekommt vier ausgewählte Karten. Du kannst entscheiden welche Kombination der 4 Karten welche Gruppe erhält.
Weitere Aktivitäten Das “Rendezvous mit der Genmaschine” Team hat weitere Unterrichtsideen entwickelt, die ebenfalls die Diskussionen der Schüler/innen über Bioethik anregen können. Die Aktivitäten sind im schulischen Alltag leicht umsetzbar, es werden nur einfache Materialien wie Kopien benötigt. Die Anleitungen können kostenlos im Wordformat heruntergeladen werdenw2. Die „Science Communication Unit” bietet englischsprachige Unterstützung für die Nutzung der Übungsanleitungen (science.communication@uwe.ac.uk). Möglichkeit zum internationalen Transfer Das “Rendezvous mit der Genmaschine”- Konzept wurde ursprünglich für die tschechischen “Science Week 2003” entwickelt, und wurde seither in vielen anderen Ländern erfolgreich eingesetzt: Italien, Portugal, Lettland, Costa Rica und Hong Kong. Das Konzept ist leicht übertragbar, und erfordert keine besonderen Materialien oder dramaturgische Effekte. Es eignet sich für unterschiedliche Zielgruppen und Veranstaltungsorte. Die derzeit verfügbaren Materialien sind für die Altersgruppe 13-18 konzipiert, die wissenschaftlichen Unterlagen eignen sich für heterogene Ausbildungsniveaus. Feedback von Teilnehmer/innen “Das Rollenspiel ist humorvoll und informativ, man erfährt in der Diskussion viele unterschiedliche Meinungen” (14-jährige/r Schüler/in). “Die Gruppendiskussion verlief positiv, und hat zum Nachdenken über Alltägliches angeregt” (17-jährige/r Schüler/in). “In Hinblick auf die Entwicklung einer wissenschaftlichen Denkweise hat das “Rendezvous mit der Genmaschine”-Material den Schüler/innen Gelegenheit gegeben, über verschiedene Aspekte der Genetik zu diskutieren. Die Materialien unterstützen Lehrer/innen bei dem Versuch, Schüler/innen in strukturierte Diskussionen über kontroversielle Themen einzubeziehen. Die Unterlagen enthalten viele nützliche Ideen für Gruppenarbeiten, die sich auch für andere Gegenstandsbereiche eignen” (Leiter der wissenschaftlichen Gruppe). Referenzen Burden J (2007) Twenty First Century Science: developing a new science curriculum. Science in School 5: 74-77. www.scienceinschool.org/2007/issue5/c21science Millar R (2006) Twenty First Century Science: insights from the design and implementation of a scientific literacy approach in school science. International Journal of Science Education. 28: 1499-1521 Internet-Referenzen w1 – Die UK Biobank versucht, heraus zu finden, wie die Gesundheit von 500 000 Menschen durch ihren Lebensstil, die Umwelt und von ihren Gene beeinflusst wird. Das Ziel dieses Großprojekts ist die Verbesserung der Vorbeugung, der Diagnose und der Therapie eines breiten Krankheitsspektrums und die Förderung der Gesundheit: www.ukbiobank.ac.uk w2 – Weitere Informationen über das “Meeting the Gene Machine” (“Rendezvous mit der Genmaschine”)-Projekt unter: www.scu.uwe.ac.uk/projects/events/meetthegenemachine.htm w3 – Weitere Informationen über den Lehrplan des 21. Jahrhunderts in England und Wales unter: www.21stcenturyscience.org w4 – Student Review of the Science Curriculum: Major Findings, ein Projekt aus dem Wissenschaftsjahr unter: www.planet-science.com/sciteach/review/Findings.pdf w5 – Weitere Informationen über die „Science Communication Unit“ unter: www.science.uwe.ac.uk/sciencecommunication w6 – Weitere Informationen über die University of the West of England unter: www.uwe.ac.uk w7 – Der Wellcome Trust ist der weltweit größte Fonds zur Förderung der menschlichen und tierischen Gesundheit. Weitere Informationen unter: www.wellcome.ac.uk Rezension Der Artikel beschreibt einfach durchzuführende innovative Aktiviäten, die sich für den Einsatz im Naturwissenschaftsunterricht (vor allem Biologie) eignen. Die Aktivitäten zielen auf die Förderung des Interesses, des Denkens und der Diskussionsbereitschaft über wichtige ethische Fragen im Zusammenhang mit den Anwendungen der Gentechnik ab. Der Artikel stellt einige Beispiel aus seinem großen Set von Unterrichtsaktivitäten vor (inklusive der benötigten Materialien). Weitere Ideen für den Unterricht finden sich frei verfügbar im Internet (in englischer Sprache). Die Materialien sind – ev. nach Übersetzung in die deutsche Sprache – direkt im Unterricht einsetzbar. Die Unterrichtsideen können von interessierten Lehrenden auch für den Einsatz in anderen naturwissenschaftlichen Fächern adaptiert werden (interessant wäre z.B. „Umweltschutz versus Wirtschaftsentwicklung“; „Vor- und Nachteile bestimmter Möglichkeiten der Energiegewinnung“). Der Artikel eignet sich als Diskussionsgrundlage für folgende Fragen:
Das in diesem Artikel (und auf der zugehörigen Homepage) vorgestellte didaktische Material eignet sich auch als Muster für die Entwicklung vergleichbarer Materialien für andere brennende Themen. Laura Strieth, Karen Bultitude, Frank Burnet und Clare Wilkinson arbeiten an der „Science Communication Unit“ der University of the West of England, die 1997 gegründet wurde. Sie ist eine der ersten und innovativsten Wissenschaftskommunikationseinrichtungen, die sich auf die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse an die Öffentlichkeit spezialisiert hat. Die „Science Communication Unit“ hat verschieden Projekte geleitet (bzw. war beteiligt), bei denen Roboterexperten und Wissenschaftsjournalisten/innen vernetzt wurden, um eine breite Zielgruppe zu erreichen (z.B. “Walking with Robots”). “Zero Carbon City” - ein zum Denken anregendes Projekt über die Auswirkungen des Klimawandels - ist ein weiteres Beispiel für die Aktivitäten der „Science Communication Unit“. Das weit über Großbritannien hinaus bekannte Kernteam reist viel und arbeitet in zahlreichen Ländern, wie z.B. kürzlich in Costa Rica, Hong Kong, Griechenland, und Lettland. Die „Science Communication Unit“ war ein Vorreiter interdisziplinärer Ansätze der Wissenschaftskommunikation mit der Öffentlichkeit. Sie besteht aus einem interdisziplinären Team aus Naturwissenschafter/innen, Sozialwissenschafter/innen und Personen mit einem Hintergrund im Bereich der Wissenschaftskommunikation.
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