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Beim Wachsen zuschauen: Die Entwicklung eines digitalen EmbryosSubmitted by celius on 27 July 2010
Übersetzt von Julia Heymann
Stellen Sie sich vor, Google Earth™ würde regelmäßig immer wieder neue Satellitenfotos aufnehmen. Man könnte dann nicht nur den ganzen Planeten anschauen und Länder oder Städte heran zoomen, sondern auch die Fotosequenzen abspielen und sehen, was sich in zehn oder zwanzig Jahren verändert hat. Nimmt man statt der Erde einen Zebrafischembryo und sammelt ein paar hunderttausend Momentaufnahmen über einen Zeitraum von 24 Stunden, bekommt man das, was die Wissenschaftler des European Molecular Biology Laboratory (EMBL)w1 den „digitalen Embryo“ nennen.
Da die Zellen eines sich entwickelnden Embryos sich ständig teilen und bewegen, müssen die Aufnahmen in sehr kurzen Zeitabständen gemacht werden, damit man Veränderungen beobachten kann. Man braucht ein Mikroskop, das eine hohe Aufnahmegeschwindigkeit und eine hohe Bildqualität kombiniert, damit man eng aneinander sitzende Zellen unterscheiden kann. Und natürlich müssen die Zellen am Leben erhalten werden und sich über einen Zeitraum von ein oder zwei Tagen normal verhalten, wenn man die Entwicklung des Embryos verfolgen will. Außerdem darf das Mikroskop dabei nicht den fluoreszierenden Farbstoff beschädigen, mit dem man die Zellen markiert.
Die nächste Herausforderung bestand darin, einen Weg zu finden, die drei Terabyte an Daten pro Embryo zu analysieren. Die Forscher entschieden sich für einen automatisierten Ansatz: sie verwendeten Gruppen von Computern, die parallel arbeiteten, sowohl am EMBL in Heidelberg als auch am Karlsruher Institut für Technologiew3. “Jeder Computer bekommt eine Momentaufnahme des Embryos und dazu die Anweisung, in diesem Bild die Zellkerne zu finden“, erklärt Philipp. Jeder Zellkern bedeutet eine Zelle, und so können die Wissenschaftler durch Kombination der Informationen aus allen Schnitten ihren digitalen Embryo bauen. Eine optische Darstellung aller Zellen des Embryos, wo sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt befinden, wo sie sich als nächstes hin bewegen und wann und wo sie sich teilen. Das Ergebnis ist ein 3D-Zeitraffervideo des sich entwickelnden Embryos.
So erhielten Philipp, Annette und Jochen Aufschluss über verschiedene Stadien der Embryonalentwicklung der Zebrafische. Im ganz frühen Stadium besteht ein Zebrafischembryo zunächst aus einer Gruppe von Zellen, die oben auf dem Dottersack (der Nahrungsquelle des Embryos) sitzen. Erst teilen sich die Zellen in Form einer Welle, die sich von der Mitte aus in alle Richtungen bewegt, wie das Kräuseln von Wasser in einem Becken. Die Rekonstruktion ließ erkennen, dass sich das Muster der Zellteilung aber nach den ersten neun Zellzyklen verändert, zu einer Welle die sich in nur eine Richtung ausbreitet, sich dann teilt und außen an der Peripherie in zwei Halbkreisen weiter läuft (siehe Bild unten und Film 10w2). Die Grenze zwischen den beiden Halbkreisen wird später zur Körperachse des Tieres, die seine Symmetrie bestimmt. Also haben die Wissenschaftler herausgefunden, dass die Körperachse eines Zebrafischs zu einem früheren Zeitpunkt in seiner Entwicklung festegelegt wird, als bisher angenommen; zu einer Zeit in der maternale Gene (in Form von mRNA, die im Ei deponiert wurde) noch die alleinige Vorlage für die Proteinproduktion sind.
Die Forscher untersuchten auch die Gastrulation, den Prozess, durch den Zellen der ursprünglich einzigen äußeren Schicht des Embryos nach innen wandern, um die anderen beiden Schichten, oder Keimblätter, zu bilden. Aus diesen dreien entwickeln sich später unterschiedliche Gewebearten. „Lehrbücher brauchen zwei oder drei Seiten, um diesen Prozess zu beschreiben, doch wenn man sich die Filme des digitalen Embryos anschaut, ist es plötzlich ganz leicht zu verstehen,“ sagt Annette. Und nicht nur das – sie und ihre Kollegen entdeckten sogar, dass die Lehrbücher Unrecht haben. Seit den achtziger Jahren hat es eine ständige, manchmal feurige Debatte im Fachgebiet darüber gegeben, wie Zellen wandern um diese Schichten zu bilden. Die allgemeine Lehrbuchmeinung besagte, dass die Zellen zu einer Öffnung im Embryo wandern und über deren Rand rollen, um darunter eine neue Schicht zu bilden (Involution) - ähnlich dem Rand einer Badekappe, der sich am Kopf entlang nach innen aufrollt. Andere Forscher behaupteten, dass einzelne Zellen der Außenschicht einfach dort untertauchen, wo sie sich gerade befinden (Ingression), und so eine neue Lage bilden.
„Wir haben das Problem wirklich schön gelöst“, sagt Jochen. „Es stellte sich heraus, dass alle Recht hatten!“ Es ist eine Frage des Blickwinkels. Auf einer Seite des Embryos rollt sich die Zellschicht ein, während auf der anderen Seite die Zellen einwandern (Siehe Film 16w2). Die Forscher haben den digitalen Embryo auch als Vorlage verwendet um herauszufinden, woher die Zellen kommen, die zur Entwicklung eines bestimmten Organs oder Gewebes beitragen. Als erstes Beispiel diente das Auge. Zu einem fortgeschrittenen Stadium (z.B. gegen Ende des 24 Stunden-Videos) markierten sie in der digitalen Darstellung die Zellen, von denen sie wussten, dass sie bei der Bildung einer der Zebrafischaugen beteiligt sind. Dann verfolgten sie die Zellen in der Zeit zurück, um herauszufinden woher sie stammten (siehe Film 11w2). Die Wissenschaftler stellten ihren digitalen Embryo öffentlich im Internet zur Verfügungw2, zusammen mit Hilfsprogrammen für andere Wissenschaftler, die damit ihre eigenen Mikroskopiedaten analysieren können. Und was kommt als nächstes? Mit Google Earth kann man jetzt nicht nur den ganzen Planeten anschauen und Orte heranzoomen, die Benutzer können auch ihre eigenen Notizen und Markierungen einfügen und die anderer sehen. Philipp, Annette, Jochen und Ernst stellen sich vor, dass ihr digitaler Embryo genauso zum so genannten „virtuellen Embryo“ werden soll: ein Hilfsmittel, mit dem andere Forscher Entwicklungsprozesse sehen können, wo sie für mehr Informationen heranzoomen und ihre eigenen Anmerkungen und Ergebnisse hinzufügen können. Auf lange Sicht möchten sie den Anwendungsbereich des digitalen Embryos auch auf andere Spezies ausweiten. Das soll Wissenschaftlern ermöglichen, auch quantitativ zu vergleichen, wie verschiedene Embryonen heranwachsen, womit sie wertvolle Einblicke in Entwicklungsprozesse erlangen würden. Der digitale Embryo hat noch viel Platz zum Wachsen und mit einer immer größeren Zahl an Leuten, die ihm dabei helfen wollen, hat er wohl ein viel versprechendes Leben vor sich. Digital scanned laser light sheet fluorescent microscopy (DSLM): Eine verbesserte Version der SPIM, bei der ein dünner Laserstrahl anstatt einer ganzen Lichtscheibe eingesetzt wird. Dadurch verringert sich der Schaden an Probe und Fluoreszenzfarbstoff. Gastrulation: Die Phase in der frühen Embryonalentwicklung, während derer die drei Keimblätter Ektoderm, Endoderm und Mesoderm gebildet werden. Zeitliche Koordinierung und molekularer Mechanismus der Gastrulation unterscheiden sich zwischen verschiedenen Organismen. Genetischer Stamm: Eine genetisch einheitliche Gruppe von Tieren, die in Laborexperimenten verwendet wird. Ein genetischer Stamm kann durch Kreuzung, Mutation oder Genmanipulation entwickelt werden. Single-plane illumination microscopy (SPIM): Diese Methode ermöglicht die dreidimensionale Beobachtung von Prozessen in lebenden Organismen sogar in tieferen Gewebeschichten. Sie detektiert Fluoreszenzen in einem Winkel von 90° relativ zur Beleuchtungsachse mit einer Ebene aus Laserlicht, wodurch optische Schnitte möglich sind. Die Probe befindet sich nicht auf einem Objektträger sondern in einer flüssigkeitsgefüllten Kammer, die während der Beobachtung gedreht wird. Der Zebrafisch als Modellorganismus Die frühe (embryonale) Entwicklung kann man bei Menschen aus ethischen Gründen nicht ohne weiteres untersuchen. Praktischerweise gleicht sich der Prozess aber in allen Wirbeltieren, also werden andere Tiere als Modellorganismen verwendet, um unsere eigene Entwicklung zu verstehen. Aber warum gerade der Zebrafisch? Das verdanken wir George Streisinger, einem ungarischen Biologen der Universität Oregon, USA. Anfang der achtziger Jahre träumte dieser davon, die molekularen Methoden, die er zuvor zur Untersuchung von Viren angewandt hatte, bei der Erforschung der Genetik und Entwicklung von Wirbeltieren einzusetzen. Der Hobby-Aquarianer entschied sich an Zebrafischen zu arbeiten, von denen er wusste, dass sie leicht zu halten und zu züchten waren. Viele praktische Gründe machen Zebrafische zu einem attraktiven Modellsystem: sie sind zum Beispiel klein genug, um sie in den großen Mengen zu halten, die man für genetische Studien braucht - aber groß genug um klassische embryologische Manipulationen wie Transplantationen an ihnen durchzuführen.
Referenzen Keller PJ, Schmidt AD, Wittbrodt J, Stelzer EH (2008) Reconstruction of zebrafish early embryonic development by scanned light sheet microscopy. Science 322: 1065-9. doi: 10.1126/science.1162493 Internet-Referenzen w1 – Mehr über das EMBL, das European Molecular Biology Laboratory, unter www.embl.org w2 – Die Internetseite des digitalen Embryo mit Videos von der Entwicklung des Zebrafischembryos, sowie Daten zum Download: www.digital-embryo.org
w3 – Für mehr Informationen über das Karlsruher Institut für Technologie, siehe: www.kit.edu Weiterführende Materialien Für zwei weitere Science in School-Artikel über Evolution und Entwicklung, siehe: Hodge R (2006) A search for the origins of the brain. Science in School 2: 68-71. www.scienceinschool.org/2006/issue2/brain Für eine Sammlung von Lern- und Forschungsressourcen zum Thema Embryonalentwicklung, siehe: http://people.ucalgary.ca/~browder/virtualembryo Um in allen Artikel über Evolution zu stöbern, die in Science in School erschienen sind, siehe: www.scienceinschool.org/evolution Sonia Furtado wurde in London geboren und zog nach Portugal, als sie drei Jahre alt war. Während sie an der Universität Lissabon Zoologie studierte, arbeitete sie in der Bildungsabteilung des Lissabonner Zoos; dort stellte sie fest, dass es ihr Spaß machte anderen etwas über Forschung zu erzählen. Sie machte weiter mit einem Master of Science in Wissenschaftskommunikation am Imperial College London und ist jetzt Pressesprecherin am European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg. Dieser Artikel erschien im Jahresberich 2008-2009 des European Molecular Biology Laboratory, einer Sammlung von Artikeln über Themen der aktuellsten Forschung. Der ganze Bericht kann hier heruntergeladen werden: www.embl.de/aboutus/communication_outreach/publications. Um eine Printausgabe des jährlichen Berichts anzufordern, schreiben Sie an info@embl.org Rezension Dieser Artikel beschreibt den Fortschritt auf dem neuesten Stand der Entwicklungsbiologie. Das potentielle Ergebnis – ein virtueller Embryo, der mit anderen Wissenschaftlern geteilt und von ihnen annotiert werden kann - genau wie Fotos und Kommentare zu Google Earth hinzugefügt werden können – ist ein spannendes Beispiel dafür, wie Forschungsergebnisse verbreitet, kommentiert und vielleicht erweitert werden können. Dies passt gut zum Konzept von globaler Wissenschaft und Kommunikation, das in manchen Lehrplänen enthalten ist. Viel in diesem Artikel kann interessierte Biologieschüler begeistern. Die Verwendung von hoch entwickelter Mikroskopie zur Überschreitung wissenschaftlicher Möglichkeiten könne zu Diskussionen darüber dienen, wie die Technologie Entdeckungen behindert; oder wie vergänglich und unsicher Forschungs„wissen“ ist, weil es von der neuesten Technik abhängt. Die Verwendung von Zebrafischembryonen kann auch zu ethischen Debatten anregen. Ist es richtig, an Fischembryonen zu experimentieren? Was ist mit Säugerembryonen? Oder menschlichen Embryonen? Man könnte über einige rechtliche Aspekte dieser Art Forschung diskutieren. Auch könnte dieser Artikel Biologielehrern helfen, ihr eigenes Wissen zu aktualisieren. Er könnte zudem als Hintergrundwissen dienen, etwa für Schüler, die an Biologiewettbewerben teilnehmen, oder für Hochschulbewerbungen. Zusätzlich hilft das Videomaterial, die embryonale Entwicklung für Kurse mit diesem Thema zu illustrieren. Mögliche Verständnisfragen:
Sue Howarth, Vereinigtes Königreich
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