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Natürliche Selektion auf molekularer EbeneSubmitted by rau on 18 May 2010
Übersetzt von: Veronika Ebert, Höhere Bundeslehr- und versuchsanstalt für chemische Industrie, Wien
Als die Menschen zu Beginn, vor etwa 150 000 Jahren, Afrika verließen, sich in den Tälern von Euphrat und Tigris ansiedelten, zwischen den indonesischen Inseln segelten, die Beringstraße überquerten, um schließlich Amerika zu erreichen, hatten sie viele Schwierigkeiten zu bestehen. Aus den heißen, trockenen Savannen Afrikas stammend, mussten sie sich an lokale Umweltbedingungen anpassen. Ihre Physiologie und ihr Aussehen änderte sich über viele Generationen demensprechend (Harris & Meyer, 2008). Die Haut jener Menschen, die in sonnenärmeren Gegenden lebten, wurde heller (Lamason et al., 2005). Populationen, die Milch von Haustieren konsumierten, behielten die Fähigkeit Milchzucker (Laktose) abzubauen bis in das Erwachsenenalter bei. Diese Fähigkeit geht nach der Kindheit verloren, wenn keine Milch getrunken wird (Tishkoff et al., 2007). Populationen, die Stärke-reiche Lebensmittel verzehrten, erzeugten höhere Mengen von Speichelamylase, dem Enzym, das an der Verdauung von Stärke beteiligt ist (Perry et al., 2007).
Zumindest ein Teil dieser Veränderungen dürfte auf eine positive Selektion (Erklärungen für kursiv geschriebene Begriffe siehe Glossar)zurückzuführen sein. Das bedeutet, dass bestimmte Umweltbedingungen (der Selektionsdruck) in der Vergangenheit dazu geführt hat, dass Menschen mit vorteilhaften Gensequenzen überlebt und eine größere Zahl von Nachkommen hervorgebracht haben als Menschen mit anderen, weniger vorteilhaften Ausprägungen. Die Untersuchung der Genomsequenz vieler Arten, darunter auch jene des Menschen und seiner nächsten Verwandten, mit modernen Untersuchungsmethoden erlaubt es, die Merkmale und DNA-Sequenzen von Populationen oder Arten mit unterschiedlicher Lebensweise und unter verschiedenen Umweltbedingungen zu vergleichen. Dadurch kann festgestellt werden, welche Sequenzen für die Anpassungen verantwortlich sein könnten. Die Forscher/innen können somit die Funktion der DNA-Abschnitte und ihre “adaptive Bedeutung” für ein Lebewesen ermitteln.
Die Annahme, dass die Bildung von Vitamin D durch eine helle Hautfarbe gefördert wird, wird durch Beobachtungen an Menschen mit dunkler Hautfarbe unterstützt. Wenn letztere in größeren geographischen Breiten leben, leiden sie unter Vitamin D Mangel. Außerdem ist eine hellere Haut empfindlicher gegenüber der schädlichen Wirkung des Sonnenlichts: Stärkere Sonneneinstrahlung korreliert mit dem Auftreten von Hautkrebs bei hellhäutigen Menschen. Es ist daher anzunehmen, dass die helle Haut der in größeren geographischen Breiten lebendenden Menschen, einen evolutionärer Kompromiss zwischen dem Schutz vor den krebserregenden Effekten des Sonnenlichts und der ausreichenden Produktion des notwendigen Vitamin D´s darstellen.
Ein anderes Beispiel für den adaptiven Wert eines menschlichen Merkmals betrifft ein Fragment des Chromosoms 17, das in unseren Vorfahren vor mehr als drei Millionen Jahren invertiert (umgedreht) worden ist (Stefansson et al., 2005). Die Tatsache, dass sich diese Variante in den europäischen Populationen verbreitet hat, lässt vermuten, dass hier eine positive Selektion stattfand –Individuen mit dieser Variante hatten Vorteile. Die Genotypisierung der meisten Isländer/innen zeigte, dass Individuen mit dieser Sequenzvariante während der letzten 80 Jahre durchschnittlich 3,2% mehr Nachkommen pro Generation hatten als Personen mit der normalen Sequenz. Eine plausible Erklärung, wie sich diese Variante so rasch verbreiten konnte. Zum Beispiel der Alabama-Küstenmaus, Peromyscus polionotus. Die Farbe ihres Fells passt zur Farbe des jeweiligen Untergrunds und bietet dadurch eine exzellenteTarnung. Mäuse, die auf dem hellen Sand Floridas leben, sind viel heller als Individuen der gleichen Art, die im Landesinneren beheimatet sind. Der adaptive Wert dieses Merkmal konnte schon vor 30 Jahren experimentell gezeigt werden: Mäuse mit einer zum jeweiligen Untergrund passenden Fellfarbe wurden seltener von Eulen gefressen als schlechter getarnte Mäuse. Dennoch konnten erst kürzlich die für diese adaptive Merkmal verantwortlichen Genorte identifiziert werden (Hoekstra et al., 2006): Die Variation der Fellfarbe hängt in erster Linie von den unterschiedlichen Allelen des McR1 Gens ab. Das Protein, das von diesem Gen kodiert wird, fungiert als biochemischer Schalter, der entweder die Produktion von Eumelanin, dem dunklen Hautpigment, oder von Phaeomelanin, einem hellen Pigment, steuert. Die beiden Allele des McR1-Gens aktivieren die Pigment-produzierenden Stoffwechselwege in einem unterschiedlichen Ausmaß, wodurch entweder die Produktion des einen, oder des anderen Pigments begünstigt wird.
Durch Teilsequenzierung von Isolaten aus der mittleren Erkrankungsphase konnte die Reihenfolge, in der diese Basenveränderungen aufgetreten sein mussten, geklärt werden. Die in vitro Testung der Empfindlichkeit der verschiedenen Isolate gegenüber Vancomycin erlaubte es, die einzelnen Basensubstitutionen (Austausch einzelner Basen der DNA) und ihre Auswirkung auf die Resistenz des Erregers gegenüber dem Medikament zu korrelieren. So fand man zwischen dem ersten und dem zweiten Isolat sechs Unterschiede in der Nukleotidsubstitutionen. Diese sechs Mutationen waren eindeutig vorteilhaft: sie verstärken die Vancomycinresistenz des Bakteriums um den Faktor 4, und erhöhten dadurch die Überlebenswahrscheinlichkeit und Vermehrungsrate von Bakterien mit dieser Mutation. Der Anteil an mutierten Bakterien an der Gesamtpopulation hatte sich dadurch erhöht. Sechsundzwanzig weitere Mutationen während der nachfolgenden Behandlungswochen verdoppelten die Resistenz, sodass ein Vancomydin-resistenter Stamm von S. aureus enstehen konnte (Mwangi et al., 2007). Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es nicht einfach ist, die molekularen Ursachen für die adaptive Evolution in natürlichen Populationen aufzuklären. Es ist notwendig, den selektiven Druck zu definieren, die für das jeweilige Merkmal verantwortlichen DNA-Sequenzen zu identifizieren, und die Mechanismen aufzuklären, wie das adaptive Merkmal durch die jeweilige Sequenzveränderung beeinflusst wird. Erst durch die Verwendung von Modellorganismen und neuerer Untersuchungsmethoden sind solche Untersuchungen möglich geworden, wodurch unser Verständnis, wie bestimmte genetische Veränderungen die Anpassung von Lebewesen an ihre Umwelt ermöglichen, zugenommen hat. Adaptiver Wert: : eine Merkmal hat einen „adaptiven Wert“, wenn sie einem Individuum die Fähigkeit verleiht, unter bestimmten Umweltbedingungen zu überleben und sich stärker fortzupflanzen als Individuen ohne dieser Merkmal. Eine Merkmal ist „adaptiv“, wenn es die Fitness verbessert. Allel: eine Genvariante Fitness: ein schwer definierbarer Ausdruck aus der Evolutionsbiologie und Populationsgenetik. Er gibt die mittlere Zahl von Nachkommen über eine Generation an, die mit einem bestimmten Genotyp assoziiert ist und vergleicht diesen Wert mit jenem eines anderen Genotyps. Das bedeutet, dass Genotypen mit mehr Nachkommen eine größere Fitness haben. Einen guten Überblick zu „Fitness“ und „Genotypen“ findet man in Wikipediaw1. Genom: Die gesamte DNA eines Lebewesens. Darunter versteht man üblicherweise die DNA im Zellkern, im Gegensatz zur DNA in Mitochondrien, oder in Plastiden. Nähere Informationen im Artikel ‘What is a genome’ auf der Homepage des US National Library of Medicinew2. Positive Selektion: Die natürliche Selektion ist einer der Evolutionsmechanismen. Sie beschreibt die unterschiedlichen Überlebens- und Vermehrungsraten von Lebewesen unter bestimmten Umweltbedingungen. Sie ist „positiv“, wenn bestimmte Merkmale das Überleben und die Reproduktion ihrer Träger verbessern. Selektionsdruck: Umweltbedingungen (z.B. Temperatur, Anwesenheit von Parasiten, räuberisches Verhalten oder Aggression von Mitgliedern derselben Art), die unterschiedliche Überlebens- und Vermehrungschancen einzelner Individuen verursachen. Merkmal: eine oder mehrere Eigenschaften eines Lebewesens (z.B. Körpergröße, Resistenz gegenüber Antibiotika, die Fähigkeiten, Farben zu sehen oder die Zunge zu rollen). Danksagungen Der Dank des Autors für hilfreiche Anregungen gilt David Hughes, Mehmet Somel and Ania Lorenc. Referenzen
Harris EE, Meyer D (2006) The molecular signature of selection underlying human adaptations. American Journal of Physical Anthropology 131(S43): 89-130. doi: 10.1002/ajpa.20518 Hoekstra H et al. (2006) A single amino acid mutation contributes to adaptive beach mouse color pattern. Science 313: 101-104. doi: 10.1126/science.1126121
Lamason RL et al. (2005) SLC24A5, a putative cation exchanger, affects pigmentation in zebrafish and humans. Science 310: 1782-1786. doi: 10.1126/science.1116238 Mwangi MM et al. (2007) Tracking the in vivo evolution of multidrug resistance in Staphylococcus aureus by whole-genome sequencing. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 104: 9451-9456. doi: 10.1073/pnas.0609839104 Perry GH et al. (2007) Diet and the evolution of human amylase gene copy number variation. Nature Genetics 39: 1256-1260. doi: 10.1038/ng2123
Stefansson H et al. (2005) A common inversion under selection in Europeans. Nature Genetics 37: 129-137. doi: 10.1038/ng1508
Tishkoff SA et al. (2006) Convergent adaptation of human lactase persistence in Africa and Europe. Nature Genetics 39: 31-40. doi: 10.1038/ng1946
Internet-Referenzen w1 – Ein gutter Überblick über die Begriffe ‘Fitness’ and ‘Genotype’, bietet Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Fitness_(biology) und http://en.wikipedia.org/wiki/Genotype w2 – Weitere Informationen zu Genomen und dem Humangenomprojekt, siehe ‘What is a genome’ auf der Webseite des US National Library of Medicine: http://ghr.nlm.nih.gov/handbook/hgp/genome Quellen Falls Sie dieser Artikel interessiert hat, könnten auch andere Artikel aus Science in School von Interesse sein:
Weitere Informationen zur Malaria:
Weitere Informationen zur Struktur von Stärke, die durch die Speichelamylase abgebaut wird:
Jarek Bryk ist ein Post-Doktorand am Max Planck Institute Evolutionsbiologie in Plön, Deutschland. Er versucht adaptive Gene in Mäusen zu identifizieren. Rezension Der Artikel beschreibt eine Reihe interessanter Beispiele adaptiver Evolutionsprozesse auf molekularer Ebene. Dabei werden die Schwierigkeiten bei der Aufklärung des Zusammenhangs zwischen adaptiven DNA-Sequenzen und der individuellen Fitness beim Menschen und die Notwendigkeit von Medellorganismen aufgezeigt. Der Artikel bietet eine exzellente Grundlage zur Bearbeitung übergeordneter Fragestellungen, die das Verständnis der natürlichen Selektion und der Fitness im Menschen und in Modellorganismen ermöglichen. Einige Beispiele:
Der Artikel erlaubt es Schüler/innen sich mit dem Zusammenhang zwischen DNA, Aminosäuresequenz, Proteinstruktur und – funktion bei der Sichelzellanämie zu beschäftigen. Der Text eignet sich, um Klassendiskussionen über die Methoden und Probleme bei der Untersuchung der molekularen Basis evolutionärer Beziehungen und den ethischen Fragen bei der Untersuchung menschlicher Populationen zu stimulieren. Es könnten fachübergreifende Arbeiten zur Wissenschaftsgeschichte und populationsgenetischer Evolutionsstudien durchgeführt werden. Mary Brenan, Großbritannien
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