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Home » Issue 13 » Folsäure: warum Schülerinnen und Schüler wissen sollten, was es mit Folsäure auf sich hat Folsäure: warum Schülerinnen und Schüler wissen sollten, was es mit Folsäure auf sich hatSubmitted by celius on 05 July 2010
Übersetzt von Hildegard Merkle
Eine Träne rollte über Lucys Wange. „Ich habe mir nie vorstellen können, dass irgendetwas schief gehen könnte. Ich dachte einfach, ich setze die Pille ab, werde schwanger und bekomme ein gesundes Baby. Und alles schien nach Plan zu funktionieren. Ich wurde schnell schwanger. Als ich zum Arzt ging, dachte ich, dass er überreagiert, als er mir ein paar Ernährungstipps gab und empfahl, ein Folsäure-Ergänzungspräparat einzunehmen. Ich schluckte die Tabletten, aber ich fragte mich: ‚Was sollte denn schon mit meinem Baby schief gehen?‘“ In der 17. Schwangerschaftswoche wurde Lucy darüber informiert, dass ihr Baby an Spina bifida erkrankt ist: die Wirbelsäule hatte sich nicht vollständig geschlossen und die Nervenstränge waren ungeschützt. Eine Verletzung der Nervenstränge bedeutete, dass ihr Kind an den Rollstuhl gefesselt, inkontinent sein und außerdem beträchtliche Lernschwierigkeiten haben würde. Nachdem sie wochenlang darüber nachdachten und mehrere Beratungsgespräche hatten, haben sich Lucy und ihr Freund zu der qualvollen Entscheidung durchgerungen, einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen. Ein Jahr später ist Lucy immer noch überzeugt davon, dass sie beide die richtige Entscheidung für das Kind getroffen hatten, aber der Schmerz über den Verlust bleibt. Das Tragische an Lucys Geschichte ist, dass ihre Situation wahrscheinlich hätte vermieden werden können, wenn sie das Ergänzungspräparat früher eingenommen hätte. Es ist besorgniserregend, wie wenige junge Menschen anscheinend wissen, wie wichtig Folsäure ist – oder dass es wichtig ist, das Ergänzungspräparat wenigstens einen Monat vor einer Schwangerschaft einzunehmen. Jedes Jahr sind mehr als 4500 Schwangerschaften in der Europäischen Union von Spina bifida und den damit verbundenen Funktionsstörungen betroffen, die allgemein als Neuralrohrstörungen bezeichnet werden (Busby et al. 2005). In Großbritannien wird bei ca. 85% der Schwangerschaften ein Schwangerschaftsabbruch nach der Diagnose vorgenommen, und ca. 150 Neugeborene pro Jahr werden mit schwerwiegenden Behinderungen aufgrund von Spina bifida geborenw1.
Folsäure hätte 75% der Fälle von Spina bifida verhindern können. Bei den verbleibenden 25% der betroffenen Schwangerschaften ist die Situation jedoch komplexer: Bei Frauen mit Diabetes, Übergewicht oder einer Familienanamnese von Neuralrohrstörungen ist das Risiko einer Erkrankung an Spina bifida höher. Spina bifida wird außerdem mit bestimmten Medikamenten assoziiert, zum Beispiel mit einigen Pharmaka, die bei einer Chemotherapie eingesetzt oder für bestimmte Autoimmunerkrankungen verschrieben werden. Jedoch werden einige dieser Komplikationen auch mit einem Mangel an Folsäure in Verbindung gebracht: Einige genetische Mutationen verringern die Verstoffwechselung von Folsäure, wie das auch bei einigen Pharmaka der Fall ist (z.B. Methotrexat, das zur Behandlung von Rheumatoidarthritis und einigen Krebsarten eingesetzt wird). Folsäure und ihre biologische Rolle Folsäure ist ein wasserlösliches B-Vitamin, auch als Vitamin B9 bekannt. Folsäure oder die in der Natur vorkommende Form, Folat, ist für zahlreiche physiologische Vorgänge sehr wichtig. Deshalb benötigen Kinder und Erwachsene eine bestimmte Menge an Folsäure; ein Mangel an Folsäure kann Blutarmut und schwerwiegende Geburtsfehler hervorrufen. (Wir verwenden die Bezeichnung ‚Folat‘ für die Form, die im Körper vorkommt, und den Begriff ‚Folsäure‘ für die stabilere Form in Ergänzungspräparaten.)
Eine Reihe von biochemischen Reaktionen verwendet Tetrahydrofolat, um Methyltetrahydrofolat zu bilden, ein wichtiges Substrat bei der Nukleotidsynthese. Zum Beispiel: Zusammen mit Vitamin B12 ist Methyltetrahydrofolat wichtig für die Bildung der Pyrimidinbase Thymin (in der DNA) sowie für die Purinbasen Adenin und Guanin (sowohl in der DNA als auch in der RNA). Tetrahydrofolat ist außerdem für die Synthese mehrerer wichtiger Aminosäuren essentiell. Zum Beispiel ist es ein Koenzym bei der Methylierung von Homocystein zu Methionin, einer Aminosäure, die bei zahlreichen biochemischen Reaktionen benötigt wird, z.B. bei der Methylierung der DNA und RNA.
Mangel an Folsäure Ein Mangel an Folsäure während der ersten drei Schwangerschaftsmonate kann beim Embryo eine Missbildung des zentralen Nervensystems hervorrufen – dies führt zu Neuralrohrstörungen, z.B. Spina bifida, oder zu Missbildungen des Gehirns oder des Schädels. Es wurde gezeigt, dass die tägliche Einnahme von 400 µg Folsäure als Ergänzungspräparat Neuralrohrstörungen beim Embryo um bis zu 70% reduziert. Andere Studien haben gezeigt, dass Folsäure-Ergänzungspräparate auch für die Entwicklung anderer Organe beim Embryo wichtig sind und das Risiko von Herzstörungen, Missbildungen an den Gliedmaßen oder einer Gaumenspalte verringern. Aus diesen Gründen ist Folsäure als Ergänzungsmittel während der Schwangerschaft in vielen Ländern zum Standard geworden; auch in Deutschland und einigen anderen Ländern wird den Frauen die Einnahme von Folsäure empfohlen, wenn sie eine Schwangerschaft planen. Derzeit wird eine tägliche Verzehrdosis von Folsäure als Ergänzungspräparat für schwangere Frauen oder für diejenigen Frauen, die eine Schwangerschaft planen, von 400 µg empfohlen. Verschiedene Forschungsgruppen schlagen vor, dass Männer, die planen, ein Kind zu zeugen, ebenfalls ihre tägliche Einnahme von Folsäure erhöhen sollten, da sich gezeigt hat, dass dadurch die Häufigkeit von Chromosomenstörungen im Sperma verringert wird.
Bei einem Mangel an Vitamin B12 zeigen sich aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit von Folsäure und Vitamin B12 in der DNA-Synthese sehr ähnliche Symptome, jedoch wird – anders als bei einer Anämie, die durch einen Mangel an Folsäure hervorgerufen wird – ein Mangel an Vitamin B12 geht auch mit neurologischen Störungen einher, die irreversibel sein können. Um eine Anämie korrekt behandeln zu können, ist es ganz klar notwendig, dass man weiß, welcher Mangel den Zustand verursacht. In den frühen Phasen (bevor neurologische Störungen auftreten) kann unterschieden werden, ob es sich um einen Mangel an Vitamin B9 oder B12 handelt, indem der Vitamingehalt von B9 und B12 im Blut untersucht wird. Eine weitere Folge eines Mangels an Folsäure ist die Ansammlung von Homocystein (das normalerweise durch Tetrahydrofolat zu Methionin methylisiert wird). Erhöhte Werte dieser schwefelhaltigen Aminosäure im Blut wurden mit einem erhöhten Risiko assoziiert, an Herz-Kreislauf-Störungen zu erkranken. Folsäure im Klassenzimmer
Für Science in School wurde diese Umfrage übersetzt und angeglichen, so dass Lehrer das Wissen ihrer Schülerinnen und Schüler auswerten können – vielleicht bevor dieser Artikel in einer Unterrichtsstunde vorgestellt wurde. Es wird empfohlen, behutsam bei der Entscheidung vorzugehen, ob der Fragebogen eingesetzt werden sollte, und wenn er eingesetzt wird, sollte überlegt werden, welchen Schülerinnen und Schülern er gegeben wird. Bevor die Umfrage gestartet wird, wird außerdem empfohlen, die Genehmigung der Eltern der Schülerinnen und Schüler einzuholen und ihnen zu erklären, dass es sich hierbei um eine europaweite Befragung handelt. Die Umfrage steht als Download auf der Webseitew3 von Science in School zur Verfügung, kann aber auch onlinew4 ausgefüllt werden. Wir werden alle Ergebnisse, die bis 31. Dezember 2010 bei uns eingehen, an Frau Dr. Pötzsch weiterleiten. Wenn ausreichend viele Schulen daran teilnehmen, werden sie und ihre Arbeitsgruppe die Daten für eine weitere europaweite Studie verwenden. Die Ergebnisse werden außerdem in Science in School veröffentlicht werden. Alle Umfragen, die online ausgefüllt werden, sind automatisch in der Studie enthalten. Alle ausgedruckten Umfragen sollten per Post oder E-Mail an folgende Anschrift eingesandt werden:
Dr Eleanor Hayes Danksagung Die Autoren bedanken sich bei Friedlinde Krotscheck für ihre Unterstützung bei der Planung dieses Artikels und dafür, dass sie nützliche Materialien gefunden hat. Referenzen Busby A, et al. (2005) Preventing neural tube defects in Europe: population based study. British Medical Journal 330: 574-575. doi:10.1136/bmj.330.7491.574. Dieser Artikel ist auf der Webseite der Zeitschrift frei erhältlich (www.bmj.com). Pötzsch S et al. (2006). Knowledge among young people about folic acid and its importance during pregnancy: a survey in the Federal State of Saxony-Anhalt (Germany). Journal of Applied Genetics 47: 187–190. Ein kostenloser Download dieses Artikels steht auf der Webseite des Journal of Applied Genetics (http://jag.igr.poznan.pl) zur Verfügung oder ist über den direkten Link: http://tinyurl.com/yde6dyw
Eurocat Folsäure Arbeitsgruppe (2005) Vorbeugung von Neuralrohrstörungen durch perikonzeptionale Folsäure-Ergänzungsmittel in Europa. Sonderbericht von Eurocat (European Surveillance of Congenital Anomalies). Dieser Bericht kann von der Eurocat Webseite heruntergeladen werden (www.eurocat-network.eu/) oder ist über den direkten Link: http://tinyurl.com/3htd2tk erhältlich. Internet-Referenzen w1 – Die Webseite der britischen Vereinigung für Spina bifida und Hydrozephalus stellt mehrere Artikel über Folsäure zur Verfügung sowie Informationen über die derzeitige Forschung hinsichtlich Folsäure: www.asbah.org w2 – Eine umfangreiche Tabelle der verschiedenen Lebensmittel und wie viel Folsäure sie enthalten kann man der Standard Reference der National Nutrient Database des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums entnehmen: www.ars.usda.gov/Services/docs.htm?docid=17477 w3 – Die Umfrage, um das Wissen Ihrer Schülerinnen und Schüler bezüglich Folsäure zu testen, kann hier heruntergeladen werden. w4 – Der Fragebogen über Folsäure kann auch online ausgefüllt werden: www.scienceinschool.org/folicacidsurvey w5 – Das Diagramm, wie dieser Artikel in den Biologie-Lehrplan passt (siehe Übersicht weiter unten), kann ebenfalls hier heruntergeladen werden. Weiterführende Materialien Eine Präsentation in deutscher Sprache über die Bedeutung von Folsäure kann von der Webseite Angeborene Fehlbildungen heruntergeladen werden: www.angeborene-fehlbildungen.com Eine vollständige Liste aller Artikel über medizinische Fachthemen, die in Science in School veröffentlicht wurden, finden Sie hier: www.scienceinschool.org/medicine Dr. Holger Maul, Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe im Marienkrankenhaus in Hamburg, Deutschland. Dr. Nele Freerksen, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Marienkrankenhaus in Hamburg, Deutschland. Dr. Eleanor Hayes, Chefredakteurin von Science in School. Nur eine geringe Anzahl der Biologie-Lehrbücher betont die Wichtigkeit von Folat während der Entwicklung des Fötus oder in irgendeinem anderen Zusammenhang. Dieser Artikel ist als eine Ergänzung zu den bereits existierenden Biologie-Lehrplänen längst überfällig, da er als ausgezeichnete Vorlage verwendet werden kann, wenn eine Wiederholung der Hauptthemen in der Humanbiologie ansteht (siehe Übersicht weiter unten). Der Folatstoffwechsel kann verwendet werden, um an die wichtigsten Stoffwechselwege anzuknüpfen, und die Schülerinnen und Schüler lernen darüber hinaus nützlicherweise noch ihren eigenen Körper verstehen. Der Artikel kann zum Beispiel im Unterricht eingesetzt werden, um ein wichtiges Prinzip in der Biologie anzusprechen: Die Stoffwechsel-Kettenreaktionen im menschlichen Körper, die auftreten, wenn bei einem Vitamin eine Unterversorgung besteht. Angemessene Verständnisfragen sind unter anderem:
Die Schülerinnen und Schüler sollten bereits vor der Pubertät über dieses Thema unterrichtet werden, um sich der Wichtigkeit eines gesunden Lebensstils bewusst zu werden; während sie heranwachsen, sollten sie dann wieder und wieder daran erinnert werden: Nimmst du ausreichend Folsäure zu dir? Friedlinde Krotschek, Deutschland
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